Ein Schleier, der sich über die Existenz legt

Der Verein Hemayat bietet seit 1994 traumatisierten Folter- und Kriegsüberlebenden medizinische, psychologische und psychotherapeutische Betreuung. Die Psychologin und Psychotherapeutin Barbara Preitler hat den Verein mitbegründet. Claudia Aurednik hat mit ihr über die Traumata von Flüchtlingen gesprochen.

progress: Das Wort Hemayat bedeutet im Arabischen Betreuung und Schutz. Hat es vor der Gründung des Vereins keine Betreuungsmöglichkeiten für traumatisierte Kriegsflüchtlinge gegeben?

Barbara Preitler: Erst Anfang der 1990er Jahre kam man in Mitteleuropa zu der Erkenntnis, dass Menschen mit traumatischen Erlebnissen – wie etwa Krieg, Flucht und Folter – psychotherapeutisch betreut werden müssen. Im Laufe des Balkankriegs wurden einzelne Initiativen gegründet, die sich um Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien gekümmert haben. Wir aber waren der erste Verein, der Folter- und Kriegsüberlebende psychotherapeutisch betreut hat. Weiterlesen

NSU-Komplex: Weit mehr als „behördliche Pannen“

Seit dem 6. Mai 2013 stehen in München die Angeklagten des rechtsterroristischen „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) vor Gericht. Claudia Aurednik hat mit Eike Sanders vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum (apabiz e.V.)/Berlin über den NSU-Komplex, das ‚Versagen‘ der Behörden und die gesellschaftlichen Missstände in Deutschland gesprochen.

unique: Welche Versäumnisse gab es im NSU-Komplex?

Eike Sanders: Es würde den Rahmen sprengen, alle ‚Versäumnisse‘ seitens der Behörden und Politik im NSU-Komplex hier aufzuzählen. Wichtig ist uns, dass ihr ‚Versagen‘ nicht als eine Serie von Pannen verkürzt werden darf, sondern als Fehler des Systems erkannt und benannt wird. Gerade den Verfassungsschutzbehörden, also den Geheimdiensten, war und ist der Quellenschutz – wie die heimliche Führung von V-Leuten – oft wichtiger als die Verhinderung oder Verfolgung von Straftaten. Es ist auch offensichtlich, dass die die Behörden keine vernünftige Analyse davon haben, was Rechtsterrorismus war, ist und sein könnte. So haben sie den Nazi-Terrorismus nicht gesehen, weil es diesen in ihren Augen nicht geben kann. Hinzu kam die Fehlannahme, dass Neonazis zwangsläufig Bekennerschreiben hinterlassen würden, und dass der Bau von Rohrbomben als eine Aktion von „Jugendlichen“, die „solche mal als Silvesterknaller bauen“, verharmlost wurde. Weiterlesen

Rezension: Karl Pfeifer – Einmal Palästina und zurück

Der Journalist Karl Pfeifer (*1928) kämpft bis heute gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus. Sein Name ist mit Zivilcourage und einer unabhängigen Perspektive – abseits von Parteienpolitik und Interessensverbänden – verbunden. Die Geschichte seiner Jugendjahre, die mit Antisemitismus, nationalsozialistischer Verfolgung und der Flucht aus Europa – aber auch mit dem Idealismus der sozialistisch-zionistischen Bewegung verbunden war – hat er nun in seiner Autobiographie festgehalten.

Diese umfasst seine Kindheits- und Jugendjahre bis zu seiner Rückkehr nach Österreich im Jahre 1951. Bis zur letzten Seite gelingt es Karl Pfeifer den Leser mit seiner Geschichte zu fesseln. Dabei besticht sein Buch durch eine klare und persönliche Sprache. Die Atmosphäre der damaligen Zeit sowie die gesellschaftlichen Missstände nachvollziehbar zu beschreiben. Weiterlesen

Rezension: Hans-Henning Scharsach – Strache im braunen Sumpf

Hans-Henning Scharsach legt in seinem politischen Sachbuch „Strache im braunen Sumpf“ die Verflechtungen der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) unter Heinz-Christian Strache mit rechtsextremen und neonazistischen Organisationen dar.

„Mit Straches Machtübernahme wurde 2005 die Wende rückwärts eingeleitet“, schreibt der Journalist und langjährige Leiter des Auslandsressorts von Kurier und News Hans-Henning Scharsach (70) in dem Vorwort seiner Publikation, „Der neue FPÖ-Chef ersetzte die Buberlpartie [Anm.: Jörg Haiders] durch eine Burschenpartie – stramme Hardcore-Ideologen aus jenem korporierten Milieu, das sich von den Traditionen des Nationalsozialismus bis heute nicht gelöst hat.“ Weiterlesen

Integration durch Rassismus

Andreas Peham ist Rechtsextremismusexperte des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW). Seit Jahrzehnten setzt er sich mit den Problemfeldern des Antisemitismus und Rassismus in der österreichischen Gesellschaft auseinander. Claudia Aurednik hat mit ihm für progress über das Problem des Rassismus innerhalb der ex-jugoslawischen und türkischen Community gesprochen.

progress: Gibt es unter den österreichischen MigrantInnen Rassismus?

Andreas Peham: Rassismus funktioniert relativ unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, Religion oder Staatsbürgerschaft und liegt quer über den verschiedenen Differenzen. Insofern können Menschen gleichzeitig Objekte sowie Subjekte des Rassismus sein. Sie können aber auch mit der Umwandlung von einem Objekt des Rassismus zum Subjekt werden und im Zuge dessen ihre rassistischen Erfahrungen verarbeiten. Kurzum: Sie können ihre Erfahrungen der Diskriminierung, Ausgrenzung und des Hasses auch nach unten weitergeben. Weiterlesen

Vortrag: Der getrübte Blick auf Israel – Gegen den Al Quds-Tag 2013 in Wien

Am 4. Juni 2013 um 19 Uhr habe ich meine Diplomarbeit „Die ,Fact-Finding-Mission to the Middle East‘ der Sozialistischen Internationale“ in der SPÖ Bezirksorganisation Mariahilf präsentiert. Nach meinem Vortrag hat Florian Markl von MENA Watch (Medienbeobachtungsstelle Naher Osten) über die einseitige Berichterstattung der Medien hinsichtlich des Nahostkonflikts berichtet.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe Gegen den Al Quds-Tag 2013 des Bündnisses Gegen den Al Quds-Tag statt. Nähere Informationen darüber sowie das Audiofile meines Vortrags kann man hier abrufen.

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Zurückbleiben bitte!

In Österreich erreichen nur fünf Prozent jener Kinder, deren Eltern einen Pflichtschulabschluss aufweisen, einen Hochschulabschluss. Claudia Aurednik hat mit dem Bildungssoziologen Ingolf Erler über die Probleme von Studierenden und AkademikerInnen aus der sogenannten „Workingclass“ sowie über die Fallstricke des österreichischen Bildungssystems gesprochen.
Ausschnitt aus dem Interview:

„Folgende Parameter sind für die Bildungslaufbahn entscheidend: der Geburtsort, der schulische Abschluss der Eltern und des sozialen Umfeldes, das Wohnviertel, die Lage der nächsten Schule, das Geschlecht des Kindes, das Einkommen der Eltern usw. Wenn man die Parameter weiß, so kann man relativ gut einschätzen wo das Kind einmal später landen wird. […] Weiterlesen