Politaktivismus meets Isratrash

Viermal im Jahr öffnen Ursula Raberger (32) und Stefan Schaden (37) die Pforten zum Wiener Kibbutz Klub. Doch das mittlerweile „angesagteste Event der Stadt“ ist weit mehr als eine Party. Claudia Aurednik hat für progress online hat mit den beiden GründerInnen über den Kibbutz Klub, die Wahrnehmung der jüdischen Kultur und den Antisemitismus gesprochen.

progress online: Warum organisiert ihr in Wien eine Party mit israelischer Popmusik?

Ursula Raberger: Ich liebe Mizrahi Musik und israelischen Pop. Und ich liebe auch den Trashfaktor, der dieser Musik anhaftet. Hinzu kommt, dass Stefan und ich in der israelsolidarischen Szene aktiv sind und auch die AktivistInnen-Plattform QueerHebrews gemeinsam betreiben.

Stefan Schaden: Ich habe insgesamt zwei Jahre in Israel gelebt. Die israelische Musik ist während dieser Zeit ein Teil meines Alltags gewesen und ich habe sie in Österreich natürlich weitergehört. Politisch bin ich – wie Ursula bereits gesagt hat – in israelsolidarischen Gruppen aktiv. Bei meiner politischen Tätigkeit habe ich das Problem erkannt, dass israelische KünstlerInnen und Kulturschaffende in Österreich und Europa boykottiert werden, und dass Diskussionen über die Legitimität eines Boykotts israelischer Produkte geführt werden. Mit dem Kibbutz Klub schaffen wir einen Raum für israelische Kunst und Musik und zeigen gleichzeitig, dass ein Boykott nicht legitim ist.

Ursula: Ich bin Mitarbeiterin beim internationalen LGBT-Filmfestival TLVFest in Tel Aviv und habe dort Kulturboykott miterlebt. Nach dem Vorfall auf der Gaza-Flottille im Jahr 2010 haben FilmemacherInnen aus Brasilien ihre Filme zurückgezogen. Das hat mich schockiert, da dieses Filmfestival einen offenen Platz für Diskussionen bietet. Bei Israel wird aber ein anderer Maßstab angewendet. Auch in Österreich haben Stefan und ich erlebt, dass Filme aus Israel auf österreichischen Filmfestivals kaum gezeigt werden. Das ist wirklich schade. Denn es gibt wirklich viele tolle FilmemacherInnen, SängerInnen und MusikerInnen aus Israel, die hier nicht bekannt sind. Diesen Mangel wollen wir mit unserer Party ausgleichen.

Ursula Raberger und Stefan Schaden veranstalten den Wiener Kibbutz Klub.

Ursula Raberger und Stefan Schaden veranstalten den Wiener Kibbutz Klub.

Wann habt ihr beschlossen den ersten Kibbutz Klub zu veranstalten?

Ursula: Stefan und ich haben sehr lange überlegt, ob wir so eine Party in Österreich überhaupt machen können. Denn leider gibt es noch immer einen sehr gravierenden und vorherrschenden Antisemitismus in diesem Land. Die Entscheidung für die Party ist im Sommer 2012 gefallen. Das war zu jener Zeit, als die FPÖ ihren unsäglichen und explizit antisemitischen Cartoon verbreitet hat und Fußballfans einen Rabbi am Wiener Schwedenplatz antisemitisch beschimpft haben. Antiisraelische Ressentiments waren damals und sind auch heute hierzulande sowieso immer anzutreffen. Daher haben Stefan und ich uns gesagt: Jetzt erst recht.

Stefan: Der heutige Antisemitismus reagiert sich stark am Staat Israel ab. Deswegen organisieren wir den Kibbutz Klub, um ein Stachel zu sein und den Raum zu besetzen.

Mit eurer Party erweitert ihr die Wahrnehmung jüdischer Kultur abseits der weit verbreiteten Klezmermusik.

Stefan: Die Klezmermusik bedient ein Klischee und kommt eigentlich aus einer zerstörten Kultur. Mittlerweile ist es so, dass man in Österreich nicht mehr so ein großes Problem mit den während des Nationalsozialismus getöteten Jüdinnen und Juden hat. Es wird ja auch „schon“ der Shoah gedacht und bei diversen Gedenkveranstaltungen werden traurige Mienen aufgesetzt. Aber das alles verkommt zum Ritual und es gibt kein Spillover zum heutigen Antisemitismus und der Tatsache, dass sich dieser sehr stark an Israel abreagiert und es Vernichtungsdrohungen gegen Israel gibt.

Ursula: Mich hat die Einweihung der Wachsfigur von Anne Frank in Madame Tussauds in Wien sehr gestört. Das ist etwas, das mir übel aufstößt und für mich eine Verkitschung des Todes von sechs Millionen jüdischen Menschen darstellt. Das möchte ich mit meiner jüdischen Identität nicht mittragen. Dagegen wehre ich mich. Da kann man noch so eine betroffene Miene machen und meinen, dass das total tragisch wäre. Denn in Wahrheit geht es um das Abfeiern der toten Jüdinnen und Juden. Wenn es aber um den Staat Israel geht, dann werden antisemitische Aussagen getätigt.

Das Leben in Israel und der Antisemitismus werden abseits von Kriegsberichterstattung und Dokumentarfilmen über die Shoah kaum thematisiert. Was meint ihr dazu?

Stefan: Es gibt ein aktuelles und ganz „tolles Beispiel“ über die Wahrnehmung des Antisemitismus in Österreich. Im ORF lief die Sendung Menschen und Mächte über die 1980er Jahre in Österreich. Darin wurde natürlich auch über die Waldheim-Affäre 1986 berichtet. Und auch die internationale Kritik an Waldheim wurde darin angesprochen. Der Sprecher der Doku sagte: „Die Angriffe des jüdischen Weltkongresses förderten antisemitische Ressentiments.“ So nach dem Motto: die Juden sind am Antisemitismus Schuld. Das ist typisch für Österreich.

Ursula: Stefan und ich versuchen bei den Queer Hebrews auf derartige Missstände hinzuweisen. Und es ist uns sehr wichtig zu betonen, dass aus unserer aktivistischen Arbeit heraus der Kibbutz Klub entstanden ist. Denn der Kibbutz Klub ist quasi die einzige Party, um die israelische Kunst und Kultur – die hier weitgehend ignoriert wird – zu fördern und bekannt zu machen.

 

Kibbutz Klub Foto: Gregor Hofbauer

Der Kibbutz Klub soll israelische Kunst und Kultur fördern. Foto: Gregor Hofbauer

Welche Leute besuchen den Kibbutz Klub?

Ursula: Ich war beim ersten Mal überrascht, dass das Publikum so gemischt ist. Denn den Kibbutz Klub besuchen Gay-Hipster, junge jüdische Leute, StudentInnen von der Bildenden und Angewandten ebenso wie Anzugträger.  Dieser wilde Mix feiert dann eine Party, die auch Queer ist. Zur Party kommen aber auch jene, die mit der LGBT-Szene sonst nichts zu tun haben und feiern mit. Und es freut mich, dass wir mit unserem DJ Aviv (without the Tel) – der als Israeli in Berlin lebt – bei unserem Publikum Stimmung machen.

Hattet ihr auch unangenehme Erlebnisse mit manchen Gästen?

Stefan: Wir verwenden unter anderem den Hebrew Hammer – das sind aufblasbare Luftmatratzen in Hammerform mit Israelfahne – als Dekorationsobjekt. Einmal ist eine junge Frau zu mir gekommen und hat mich folgendes gefragt: „Was ist denn das für ein Hammer? Hat der etwas mit der Unterdrückung der Palästinenser zu tun?“ Ich habe wirklich keine Ahnung, was die Fantasie von dieser Person war.

Ursula: Wann immer eine Israelfahne zu sehen ist – oder auch eine noch so kleine Israel-Anstecknadel – wird man blöd angemacht. Aber über andere Fahnen – wie beispielsweise jamaikanische Fahnen auf Reggae-Partys – regt sich niemand auf.

The "Hebrew Hammer" Foto: Gregor Hofbauer

The „Hebrew Hammer“ Foto: Gregor Hofbauer

Kontakt: kibbutzklub@gmail.com 

Kibbutz Klub facebook

 Queer Hebrews facebook

 

 

 

 

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