Rezension: Karl Pfeifer – Einmal Palästina und zurück

Der Journalist Karl Pfeifer (*1928) kämpft bis heute gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus. Sein Name ist mit Zivilcourage und einer unabhängigen Perspektive – abseits von Parteienpolitik und Interessensverbänden – verbunden. Die Geschichte seiner Jugendjahre, die mit Antisemitismus, nationalsozialistischer Verfolgung und der Flucht aus Europa – aber auch mit dem Idealismus der sozialistisch-zionistischen Bewegung verbunden war – hat er nun in seiner Autobiographie festgehalten.

Diese umfasst seine Kindheits- und Jugendjahre bis zu seiner Rückkehr nach Österreich im Jahre 1951. Bis zur letzten Seite gelingt es Karl Pfeifer den Leser mit seiner Geschichte zu fesseln. Dabei besticht sein Buch durch eine klare und persönliche Sprache. Die Atmosphäre der damaligen Zeit sowie die gesellschaftlichen Missstände nachvollziehbar zu beschreiben. Historische Tatsachen – wie beispielsweise das unrühmliche Verhalten der Briten gegenüber der jüdischen Bevölkerung im damaligen Mandatsgebiet Palästina sowie das Verhalten der arabischen Politiker im Zuge des UN-Teilungsplans – werden von Pfeifer mit Quellen belegt. Jene Ereignisse betet er mit enormer Sorgfalt und großem Feingefühl ein, so dass kein stilistischer Bruch mit seiner Lebensgeschichte entsteht.

Pfeifers Autobiographie enthält zwölf Kapitel. Das erste handelt von seiner wohlbehüteten Kindheit in seiner bürgerlichen ungarisch stämmigen jüdischen Familie in Baden sowie den Antisemitismus vor dem „Anschluss“. Dieser veränderte das Leben der Familie Pfeifer schlagartig. Karl Pfeifer beschreibt die Übergriffe und Erniedrigungen gegenüber den Juden in Baden und seine furchtbare Angst vor der nationalsozialistischen Massenhysterie, die er sich als Neunjähriger nicht erklären konnte. Im Juli1938 gelang es seinen Eltern ungarische Pässe zu erhalten und nach Ungarn auszuwandern. Sein Leben in Ungarn beschreibt er in den beiden Kapiteln „Erste Erfahrungen in Ungarn“ und „Schwierige Jugendjahre in Budapest“. Auch in Budapest wurde er mit Antisemitismus konfrontiert. Er erläutert die drei von 1938 bis 1941 in Ungarn erlassenen „Judengesetze“ und die Deportationen ungarischer Juden unter Miklós Horty. Diese werden oft in historischen und aktuellen Darstellungen zur Problematik der ungarischen Rechten ausgeklammert. In Budapest fand Karl Pfeifer auch seine politische Heimat in der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung Schomer Hazair. Als seine Mutter 1940 an Leberkrebs gestorben war und sein Vater sich beruflich oft außerhalb Budapest aufhielt, wurde die zionistische Jugendgruppe zu seiner Ersatzfamilie. Mit drei Mitgliedern seiner Schomergruppe und zwei jüdischen Mädchen aus der Slowakei verließ er – mit einem auf einen anderen Namen ausgestellten Reisepass – am 5. Jänner 1943 Budapest mit dem Ziel ins damalige Palästina auszuwandern. Die abenteuerliche Reise durch Rumänien, Bulgarien und die Türkei sowie die darauffolgende Einreise über Beirut nach Haifa beschreibt er im Kapitel „Januar 1943 – Abschied von Europa“.

Den Schwerpunkt der Autobiographie bilden sieben Kapitel über Karl Pfeifers Jugendjahre im damaligen britischen Mandat Palästina sowie im jungen Staat Israel. Der Leser erfährt von den damaligen Lebensbedingungen und den  gesellschaftlichen Strukturen des Gebietes. Ebenso thematisiert Pfeifer anhand von historischen Quellen die menschenverachtende Einwanderungspolitik und das unrühmliche Verhalten der Briten gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Pfeifer beschreibt auch die Aufbruchsstimmung der jungen Schomer, die gemeinsam im Kibbuz lebten. Der junge Karl Pfeifer erkannte jedoch schon bald, dass die Lebensrealität im Kibbuz – neben dem kollektiven basisdemokratischen Leben – von harter landwirtschaftlicher Arbeit geprägt war. Die Ideologie des sozialistischen Zionismus war für ihn zu diesem Zeitpunkt überaus wichtig, um das Leben ohne seine Familie zu bewältigen. Denn seinen fünfzehn Jahre älteren Bruder Erwin, der bereits in den 1930er Jahren nach Palästina gekommen war, konnte er nur selten sehen. Während seiner Zeit in der Jugendgruppe „Noar Gimel“ im Kibbuz lernt er auch seinen Freund Dan kennen, der aus dem kroatischen Vernichtungslager Jasenovac geflohen war. Bis heute betrachtet Karl Pfeifer die Mitglieder der Jugendgruppe als seine Geschwister. Ab 1944 kämpfte in der Hagana sowie im Palmach. Karl Pfeifer widerlegt auch Geschichtsmythen wie die „Vertreibung der Palästinenser“, die von ihm anhand von Quellen als Flucht dargestellt wird sowie die angebliche „Gleichgültigkeit des Jischuv gegenüber den Überlebenden der Schoah“.  Seine Erlebnisse als jüdischer Siedlungspolizist verdeutlichen die Bedrohung des jungen israelischen Staates durch die unnachgiebige Kriegspolitik der arabischen Länder. Das letzte Kapitel „Nach dem Krieg und Rückkehr nach Europa“ beschreibt Karl Pfeifer die Armut und die Probleme, die ihn zu einer Rückkehr nach Europa bewogen hatten.

Fazit: Karl Pfeifers Autobiographie ist eine Pflichtlektüre für alle, die sich für die Geschichte des Antisemitismus und das jüdische Leben im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina  interessieren. Durch die authentische Schilderung und klare Sprache des Autors sollte das Buch von allen engagierten Lehrern im Unterricht eingesetzt werden.

Karl Pfeifer: Einmal Palästina und zurück. Ein jüdischer Lebensweg.

Wien: Edition Steinbauer 2013.
176 Seiten, 17 Abbildungen, Euro 22,50
ISBN 978-3-902494-62-7

Die Rezension wurde in DAVID – jüdische Kulturzeitschrift Nr. 97 (Juni 2013) veröffentlicht.

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