„Nur israelische Bomben haben Nachrichtenwert“

Die Kriegsberichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt ist von Einseitigkeit und dem Anlegen unterschiedlicher Maßstäbe geprägt. Florian Markl von der Medienbeobachtungsstelle Naher Osten (MENA) erläutert die Darstellung der israelischen Militäraktion „Operation Wolkensäule“ im November 2012 in den österreichischen Medien.

Hat sich die Berichterstattung über die ‚Operation Wolkensäule‘ von anderen israelisch-palästinensischen Konflikten unterschieden?

Die Berichterstattung über diese knapp eine Woche andauernden Kämpfe hat sich deutlich von den vergangenen unterschieden: Die Medien berichteten nicht so einseitig und dämonisierend wie beispielsweise bei der Operation ‚Gegossenes Blei‘ im Dezember 2008 und Jänner 2009. Aber gleichzeitig ist es so, dass bestimmte Muster in der Berichterstattung über den Nahen Osten, Israel und den palästinensisch-israelischen Konflikt trotzdem immer wieder auftreten und auch diesmal erkennbar waren. Das fing damit an, dass das Aufflammen des Konflikts nicht in den Kontext eingebettet wurde. Denn über hunderte palästinensische Raketen, die zuvor vom Gazastreifen aus auf Israel abgefeuert worden waren, wurde gar nicht berichtet. Die Berichterstattung setzte erst ein, nachdem Israel zurückgeschossen hatte. Und dann gab es die Gleichsetzung zwischen der Terrororganisation Hamas und dem Staat Israel. Dabei wurde keine Rücksicht darauf genommen, dass sich die Hamas hinter der Zivilbevölkerung des Gazastreifens versteckt. Israel hatte aber auch aus seinen Fehlern der Vergangenheit gelernt und eine bessere Informationspolitik betrieben.

Was haben die Israelis diesmal anders gemacht?

Ein Unterschied lag darin, dass die Angriffe so gezielt erfolgten, dass es vergleichsweise wenig zivile Opfer gab. Während bei der Operation ‚Gegossenes Blei‘ über 1.300 PalästinenserInnen ums Leben kamen, lag die Opferzahl diesmal bei etwas über 130. Diese Zahl umfasst auch Hamas-KämpferInnen. Das israelische Militär hat es während der ‚Operation Wolkensäule‘ auch geschafft, spektakuläre Fehlschläge zu vermeiden. Zudem hatten die Israelis diesmal gezielt über Twitter und Facebook Informationen verbreitet. Dadurch konnte die Hamas konstruierte Geschichten viel schlechter verbreiten, als dies in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Es ist den Israelis diesmal auch besser gelungen, die Aufmerksamkeit auf die zuvor von der Hamas abgefeuerten Raketen zu lenken. Obwohl zwar im Vorfeld nicht darüber berichtet wurde, konnte im Zuge der Militäroperation kaum eine Zeitung die Bombardements der Hamas ignorieren. Somit haben die Israelis es diesmal geschafft, ihre eigene Position und die Legitimität ihres Handelns medienwirksam darzulegen.

Wurden im Zuge der Berichterstattung antisemitische Äußerungen getätigt?

Der krasseste Fall war meines Erachtens ein Kommentar von Wolfgang Fellner in Österreich. Kurz nach dem Ende der Militäroperation behauptete er, dass es schwer falle, Israel für diesen „unnötigen Krieg“ zu kritisieren, aber dass man dies trotzdem tun müsse. Fellner führte daraufhin Gründe an, die meines Erachtens antisemitische Züge hatten. Beispielsweise bezeichnete er Gaza als ein „Freiluftgefängnis“, in dem Frauen und Kinder „hinter Stacheldraht zusammengepfercht“ wären. Das sind natürlich Bilder, die LeserInnen an Konzentrationslager erinnern. Der Subtext, der dabei vermittelt wird, ist jener, dass die Menschen in Gaza wie Juden und Jüdinnen in Konzentrationslagern gehalten werden. Es gab aber auch immer wieder Fälle, die die Realität vollkommen verzerrten. In der Kleinen Zeitung beispielsweise wurde in einem Artikel behauptet, dass alle PalästinenserInnen von Bomben bedroht wären. Und das, obwohl sämtliche Fakten darauf hinwiesen, dass es wahrscheinlich nie zuvor eine umfangreiche militärische Operation mit weniger zivilen Opfern gegeben hatte. Erst nachdem die Kämpfe vorbei waren, fand man in Reportagen Hinweise darauf, dass im Gazastreifen kaum Zerstörungen zu sehen waren, da die Israelis nicht großflächig, sondern präzise bombardiert hatten.

Wieso wird die islamistische Terrororganisation Hamas oftmals medial als legitime Widerstandsorganisation präsentiert?

Neben der Hamas werden auch die Hisbollah im Libanon und die Muslimbrüder in Ägypten so dargestellt. Doch wenn sich die MedienvertreterInnen näher mit diesen Organisationen beschäftigen würden – und beispielsweise die Charta der Hamas und andere Papiere der Organisationen lesen würden –, wüssten sie über deren Charakter Bescheid. Dann wäre auch der Antisemitismus der Muslimbrüder keine Überraschung. Denn diese Organisation ist bereits seit ihrer Gründung in den 1920er Jahren durch und durch antisemitisch. Es ist daher auf die Unfähigkeit und den Unwillen der westlichen BeobachterInnen zurückzuführen, sich damit auseinanderzusetzen. Zum Teil hat dies damit zu tun, dass dies Konsequenzen haben würde. Denn dann müssten die Medien zur Kenntnis nehmen, dass sich die Hamas in ihrer Charta auf antisemitische Stereotype – wie beispielsweise die Protokolle der Weisen von Zion – bezieht. In der Folge könnten sie das gern gezeichnete Bild von den unschuldigen PalästinenserInnen, die vom kriegerischen Israel unterdrückt werden, nicht mehr aufrechterhalten. Letztendlich würden damit die Selbstverteidigungsmaßnahmen Israels in ein anderes Licht rücken. Denn dann würden die MedienvertreterInnen erkennen, dass die GegnerInnen nicht friedenssüchtige PalästinenserInnen sind, sondern erklärte FeindInnen, die nichts lieber tun würden, als tatsächlich Jüdinnen und Juden zu massakrieren. Aber das liegt nicht im Interesse der Medien und deren Berichterstattung.

 

Warum haben die Medien kein Interesse daran?

In den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs – Österreich und Deutschland – ist keine Berichterstattung über Israel möglich, ohne dass die nationalsozialistische Vergangenheit eine Rolle spielt. Es geht viel weniger um den israelisch-palästinensischen Konflikt selbst, als um die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Es geht um Schuldabwehr sowie den Versuch, Israel zu verdammen und damit rückwirkend die Großeltern zu rehabilitieren. Israel wird somit anders gesehen als andere Staaten. Aber es spielt auch eine Rolle, dass viele JournalistInnen eher links sozialisiert wurden, und für Linke war der Antiimperialismus immer sehr wichtig. Auf den Nahen Osten bezogen heißt das, dass Israel als imperialistischer Unterdrückerstaat gesehen wird und die PalästinenserInnen als ein um die Freiheit kämpfendes Volk glorifiziert werden – eine Täter-Opfer-Umkehr mit jeder Menge ‚Blut-und-Boden-Nationalismuskitsch‘. Bei rechten Blättern spielt natürlich der Antisemitismus eine noch viel größere Rolle. Ein zusätzlicher Aspekt, der hier zum Tragen kommt, ist die europäische Ideologie. Nach jener hat Europa aus den Fehlern der vergangenen Kriege gelernt und sich von einer militärisch fundierten Machtpolitik verabschiedet. An die Stelle von Konflikten zwischen Staaten soll die Verrechtlichung der internationalen Beziehungen treten. Israel und auch die USA werden oft mit Ressentiments betrachtet, weil sie nicht in der postmodernen Welt leben, die die EuropäerInnen propagieren. Die Israelis sind zudem immer wieder gezwungen, ihr Überleben militärisch zu sichern. Doch damit können die EuropäerInnen in ihrer Friedenslogik nichts anfangen. Auf der Ebene der Politik spielen darüber hinaus auch ökonomische Interessen eine Rolle. Denn die europäischen Staaten haben keine Lust darauf, es sich mit den arabischen Ländern zu verscherzen, die für ihre Energieversorgung aufkommen.

 

Welche Ziele verfolgt MENAWatch?

Zum einen versuchen wir immer wieder, Medien auf Fehler in ihrer Berichterstattung hinzuweisen. Die MedienvertreterInnen können zwar ihre eigenen Interpretationen, jedoch nicht ihre eigenen Fakten haben. Wenn diese falsch dargestellt werden, so versuchen wir, das richtig zu stellen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn es zu keiner Verbreitung von Falschmeldungen käme. Außerdem versuchen wir, die blinden Flecken in der Berichterstattung aufzuzeigen. Denn leider blicken die Medien oft weg, wenn es um islamistischen Terror geht und ignorieren die Realität, wenn sie über Organisationen wie die Muslimbrüder berichten. Letztendlich haben wir die Hoffnung, durch unsere Interventionen zu einer qualitativen Verbesserung der Berichterstattung über den Nahen Osten beitragen zu können.

Link:

http://www.mena-watch.com/

Veröffentlicht in Unique 03/13

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Ein Gedanke zu “„Nur israelische Bomben haben Nachrichtenwert“

  1. Hallo liebe Claudia,
    ähnliche Beobachtungen mache ich auch. Geht es um den Nahen Osten, bietet es sich auch eher an die englischsprachige Presse aus England (z.B. Guardian), USA (z.B. Times), Israels (Haaretz oder ToI) oder eben Al Jazeera zu nutzen. In Deutschland z.B. ist die Presse grundsätzlich zu spät, lässt relevante Nachrichten, die aber nicht in Packet passen aus, und gibt völlig falsche Einschätzungen. Zu empfehlen ist evtl. noch die NZZ (Neue Zürcher), oder die Magazine wie Zenith (obwohl dessen Artikel auch bei SPON erscheinen), IP und ZfAS. Aktuell kann man die verzerrte Berichterstattung hinsichtlich der des syrischen Bürgerkriegs beobachten. Rebellen werden hochgejubelt, obwohl die Kräfte von Assad seit 4 Monaten schon wieder erstarkt sind. So drücken Assadtruppen und Hizbollah die Rebellen in die Golanhöhen, was einen explosiven Cocktail, auch für Israel, entstehen lässt. In der deutschsprachigen Presse wird nur minimal darüber berichtet, was den Schluss zulässt, man hat entweder etwas verschlafen,oder möchte gar nicht berichten. Bizarr nur, dass Luftangriffe Israels dann sehr wohl als Header auftauchen. Andere Bewegungen scheinen aber nicht interessant zu sein. LG

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