Michael Genner: Während dem Asylverfahren studieren

Interview mit Michael Genner, dem Obmann des Vereins „Asyl in Not“ zur progress coverstory „Unter Generaldverdacht?“.

Unter welchen Bedingungen dürfen AsylwerberInnen in Österreich studieren?
Flüchtlinge dürfen studieren, wenn ihre Matura nostrifiziert wurde und sie eine Deutschprüfung abgelegt haben.

Kennen Sie AsylwerberInnen, die in Österreich erfolgreich studiert haben?
Ein georgischer Kollege ist als Asylwerber nach Österreich gekommen und hat hier Jus studiert. Er war als Student und Asylwerber einige Jahre lang ehrenamtlich erfolgreich als Rechtsberater bei „Asyl in Not“ tätig. Ich habe ihm über seine Tätigkeit eine Bestätigung ausgestellt und diese an den Asylgerichtshof geschickt. Dort war der Akt vorher viele Jahre liegen geblieben. Aber mit dem Nachweis seiner Tätigkeit als Rechtsberater ging es dann sehr schnell: Er hat zwar nicht Asyl erhalten, weil seine Fluchtgründe nicht mehr aktuell waren. Seine Ausweisung wurde jedoch auf Dauer unzulässig erklärt.

Schließlich hat er die „Rot-weiß-rot-Karte“ erhalten. Heute arbeitet er in einer Anwaltskanzlei. Es ist also nicht unmöglich, während des Asylverfahrens zu studieren und sich aktiv zu engagieren.

Welche Probleme haben AsylwerberInnen am Arbeitsmarkt?

Asylsuchende dürfen arbeiten, wenn sie drei Monate in Österreich sind. Das ist großzügig im Vergleich zu anderen Ländern. Sie unterliegen aber dem Ausländerbeschäftigungsgesetz und dürfen nur arbeiten, wenn das Arbeitsmarktservice (AMS) eine Beschäftigungsbewilligung erteilt. Und das bedeutet, dass kein arbeitsuchender Inländer für den Job vorgemerkt sein darf. Laut dem Bartenstein-Erlass von 2004 dürfen Asylsuchende praktisch nur im Saisongewerbe arbeiten. Einfacher ist es, nicht unselbständig, sondern selbständig zu arbeiten. Dazu braucht man einen Gewerbeschein. Mein vorab erwähnter georgischer Kollege hatte einen Gewerbeschein als Übersetzer.

War es für Flüchtlinge früher einfacher in Österreich zu studieren?
Früher mussten Verfolgte nicht unbedingt einen Asylantrag stellen, um in Österreich zu studieren. Sie konnten als Studierende ein Visum bekommen. Viele politisch aktive Menschen – beispielsweise aus dem Iran oder aus der Türkei – nutzten diese Möglichkeit. Mit dem Visum waren sie vor der Verfolgung in der Heimat sicher. Und sie mussten nicht irgendwelchen österreichischen BeamtInnen, die das im Grunde nichts angeht, ihre Lebens-und Fluchtgeschichte erzählen. Erst mit der Verschärfung der Einreisebestimmungen 1990 unter Löschnak wurde es für solche Studierende überhaupt nötig Asylanträge zu stellen.

Welche Reformen wären besonders wichtig?
Es muss einen freien Zugang zum Arbeitsmarkt während des Studiums geben. Außerdem sollten die Studiengebühren abgeschafft werden und eine einfachere Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen erfolgen. Der Grund für die Abschottung der Universitäten liegt aber im hierzulande allgemein grassierenden Rassismus.

Michael Genner in seinem Büro von Asyl in Not. Nach ihm befindet sich in jedem Aktenordner ein Menschenschicksal. (Foto: Luiza Puiu)

Michael Genner in seinem Büro beim Verein „Asyl in Not“ im Wiener WUK. Er erzählt, dass sich in  jedem einzelnen Aktenordner ein Menschenschicksal befindet. (Foto: Luiza Puiu)

 

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Ein Gedanke zu “Michael Genner: Während dem Asylverfahren studieren

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