Antisemitismus: „Die kulturelle Variable ist nur eine neben anderen“

Andreas Peham ist Rechtsextremismusexperte des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW) und stellvertretender Generalsekretär der ­Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich. Im folgenden Interview reflektiert er über die Problematik des Antisemitismus unter  österreichischen MigrantInnen.

unique: Welche Bedingungen sind für den Antisemitismus unter österreichischen MigrantInnen ausschlaggebend?
Andreas Peham: Es ist noch umstritten, welche Variablen bei den österreichischen MigrantInnen für antisemitische Einstellungen zum Tragen kommen. Es gibt nämlich mehrere, die in dieser Hinsicht berücksichtigt werden müssen. Die Kategorie des Geschlechts, die Bedeutung der Kategorie des Alters sowie die Kategorie der sozialen Schichtzugehörigkeit sind in dieser Hinsicht sehr wichtig. Und eben auch die kulturelle Variable bzw. der religiöse Background. Das ist aber nur eine Variable neben den anderen. Ich warne davor, eine Variable herauszugreifen und diese zu verabsolutieren. Und man darf bei dieser Thematik auch nicht auf die Möglichkeit einer Integration in die österreichische Gesellschaft über den Antisemitismus und Rassismus vergessen. Denn dieser ermöglicht den MigrantInnen, die hier aufwachsen, ein Teil der österreichischen Kultur zu sein.

Welchen Einfluss haben das Alter und die Schichtzugehörigkeit?
In allen Studien zur Thematik hat sich gezeigt, dass der Antisemitismus mit dem Alter zunimmt. Gerade bei Jugendlichen spielen aber besonders narzisstische Kränkungen eine große Rolle, die dann mit der Konstruktion des Feindbilds ‚des Juden‘ gelöst werden. In den Schulklassen selbst merke ich jedoch keinen kulturellen Unterschied. Es spielt keine Rolle, ob jemand einen österreichischen, muslimisch-türkischen oder ex-jugoslawisch­en Hintergrund hat. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Verweildauer in Bildungseinrichtungen sehr ausschlaggebend ist. Denn je länger einE JugendlicheR in einer Bildungseinrichtung verweilt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er/sie antisemitische oder rassistische Einstellungen hat. Hierbei verschränkt sich die soziale Variable mit der kulturellen. Und es ist ja bekanntlich so, dass Menschen mit migrantischem Hintergrund es viel schwerer haben, die sogenannte ‚gläserne Decke‘ des Pflichtschulabschlusses zu durchbrechen. Es ist daher wirklich problematisch, den Antisemitismus nur auf die kulturelle Herkunft zurückzuführen.

Sie haben die Kategorie des Geschlechts erwähnt. Können Sie diese erläutern?
Wir haben in Studien festgestellt, dass junge Frauen und Männer ungefähr gleich stark antisemitisch sind. Aber Frauen sind viel weniger bereit, nach ihren Vorurteilen auch zu handeln. Das heißt, dass sie weniger dazu neigen, rechtsextreme Parteien zu wählen und auch weniger gewaltbereit sind. Beginnen wir bei der muslimischen Bevölkerung. Da spreche ich vor allem von Jugendlichen, denn mit diesen habe ich die meiste Erfahrung. Bei den Muslimas ist es so, dass es beim Unterricht über den Holocaust zu einer sehr starken Überidentifikation mit den Opfern kommt. Das ist insofern problematisch, da dies den Muslimas sehr große Angst macht. Bei den Jungs wiederum schaut es ganz anders aus. Denn wenn ich mit Antisemitismus unter den muslimischen Jugendlichen konfrontiert bin, dann geht das zu über 90 % von den Jungs aus.

Ist die Religion denn wirklich kein entscheidender Faktor für Antisemitismus?
Natürlich ist die Religion auch ein Faktor für Antisemitismus. Aber gerade bei MuslimInnen ist die Kategorie des Geschlechts viel entscheidender. Ich kann auch aufgrund meiner Erfahrung nicht sagen, dass der Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen ausgeprägter ist als bei Jugendlichen mit anderem kulturellen Background. Was ich aber beobachtet habe, ist die Zunahme offener antisemitischer Äußerungen seit der Entsendung der Gaza-Hilfsflottille im Jahr 2010. Bei dieser war ja die Türkei unmittelbar involviert. Und das hat zu einer Radikalisierung des Antisemitismus unter den türkischen MigrantInnen geführt. Es fällt mir aber auch auf, dass eher männliche Jugendliche – die übrigens selbst sehr wenig Ahnung von ihrer Religion haben – ihren Antisemitismus religiös begründen. Es muss daher von einem islamisierten und nicht von einem islamischen oder muslimischen Antisemitismus gesprochen werden. Im Übrigen argumentieren sie auch ihren Machismo, ihre Faulheit und ihre Bequemlichkeit mit dem Koran. Und da könnte man annehmen, dass die Religion tatsächlich das Problem ist.

Können Sie noch näher auf den islamisierten Antisemitismus eingehen?
Ein gläubiger Jugendlicher, der sich mit Religionen gut auskennt – und somit auch über die  Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Islam Bescheid weiß – ist weniger antisemitisch. Ein Problem sind aber jene Jugendliche, die sich über das Internet eines islamisierten Antisemitismus bedienen. Ich bezeichne diesen als ‚Instant-Islam‘. Bei diesem spielen die SalafistInnen eine Rolle, die mit kleinen Häppchen die Jugendlichen ködern. Die SalafistInnen sind jedoch eine politische Sekte, die mit dem Rechtsextremismus aufgrund der antidemokratischen, frauenfeindlichen und antisemitischen Positionen Parallelen aufweist.

Welche antisemitischen Stereotype existieren unter MigrantInnen?
Bei MigrantInnen treten die klassischen antisemitischen Stereotype auf. Ein gängiges Stereotyp ist jenes, wonach sich die Juden und Jüdinnen gegen die Welt verschworen haben, um diese zu beherrschen und auszubeuten. Das sind Verfolgungsfantasien, die es den Menschen erlauben, globale Phänomene zu begreifen. Das Problem ist auch, dass man moderne Gesellschaften nur sehr abstrakt begreifen kann. Und es ist ein Bedürfnis dieser Menschen, jemanden zu personalisieren und sie/ihn für Missstände verantwortlich zu machen. Das gilt nicht nur für Jugendliche. Hinzu kommt dann der christliche Hintergrund, der Juden und Jüdinnen immer zu Sündenböcken gemacht hat. Bei den antisemitischen Stereotypen von türkischen MigrantInnen ist es so, dass in deren Weltbild Atatürk mit der Abschaffung des Kalifats zum Juden gemacht wurde. In diesem Weltbild findet ein Bruch mit der Realität statt und alles, was darin böse ist, wird als ‚verjudet‘ betrachtet. Es ist das Totalitäre am Antisemitismus, dass dieser keine Grenzen kennt.

Wieso haben  PolitikerInnen außerhalb der Rechten zum Antisemitismus unter den ­Migrant­Innen so lange geschwiegen?
Erst in den letzten Jahren hat sich diesbezüglich etwas geändert. Die Grüne Abgeordnete Alev Korun setzt sich beispielsweise mit dieser Problematik auseinander. Und es ist wichtig, dass das jemand aus der eigenen Community­ tut. In Österreich gibt es aber Berührungsängste hinsichtlich dieser Themen. Und das erlaubt es dann PolitikerInnen wie H.C. Strache, meiner Ansicht nach, ‚mit der Wahrheit zu lügen‘. Denn natürlich geht es der FPÖ nicht darum, den Antisemitismus zu bekämpfen. Da müsste sie ja in den eigenen Reihen beispielsweise bei den deutschnationalen Burschenschaften anfangen. Vielmehr handelt es sich bei den Aussagen der FPÖ um eine Projektion, in der die Partei ihren eigenen Antisemitismus auf die MuslimInnen projiziert. Und das macht ihr sogenanntes Engagement in dieser Frage zur Lüge. Natürlich existiert ein aggressiver und gewaltbereiter Antisemitismus unter den MigrantInnen. Man muss bei dieser Problematik aber auch immer bedenken, dass es sich bei den MigrantInnen um eine in Österreich marginalisierte Gruppe handelt, die auch Feindseligkeiten und Diskriminierungen ausgesetzt ist. Das heißt jedoch nicht, dass die Gruppe dadurch sakrosankt wird. Es bedeutet nur, dass man das im Hinterkopf behalten sollte. Und dass es eben auch Kräfte gibt, denen es nicht um den Kampf gegen den Antisemitismus geht, sondern dass diese den Antisemitismus nur als Vorwand nehmen, um Fremdenfeindlichkeit zu schüren.

Das Interview wurde in der Unique 01/2013 veröffentlicht

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