Flüsterwitze über Nazis

Politische Witze nehmen die Regierenden und das politische System aufs Korn. Gleichzeitig sind diese auch Spiegelbild der Gesellschaft. Im Nationalsozialismus erfreute sich der sogenannte „Flüsterwitz“ großer Beliebtheit. Doch das Erzählen der Flüsterwitze konnte tödlich sein.    

„Die Reichsregierung hat die Wüste Sahara gekauft. Warum? Um dem deutschen Volk mehr Sand in die Augen streuen zu können.“1

Dieser Flüsterwitz spielte auf die Propaganda des NS-Regimes an und wurde 1938 von kritischen Menschen erzählt – oder besser gesagt: hinter hervorgehaltener Hand oder – ganz dem Terminus nach – am Besten einer vertrauenswürdigen Person ins „Ohr geflüstert“. Denn ein unbedachtes Erzählen von Flüsterwitzen fiel unter den Paragraph zwei des „Heimtückegesetzes“ aus dem Jahr 1934, das folgendes besagte: „Wer öffentlich gehässige, hetzerische oder von niederer Gesinnung zeugende Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates oder der NSDAP, über ihre Anordnungen oder die von ihnen geschaffenen Einrichtungen macht, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben, wird mit Gefängnis bestraft.“2 Ab 1938 stand auf Flüsterwitze, die als „Wehrkraftzersetzung“ von den Nazis betrachtet wurden, die Todesstrafe. Mit dem Sieg der Roten Armee in der Schlacht von Stalingrad 1943 kam es zu einer weiteren Strafverschärfung. Von diesem Zeitpunkt an wurden viele Flüsterwitze auf die 1938 eine Gefängnisstrafe verhängt wurde, mit dem Tode bestraft.

„Lieber Tommy, fliege weiter, hier wohnen nur die Ruhrarbeiter. Fliege weiter nach Berlin, die haben alle (zum Hitler) ja geschrien.“3

Der Flüsterwitz war anonym und wird in der Wissenschaft als politische Textsorte und konspirierendes Sujet betrachtet, die abseits der „hohen Politik“ die Menschen bewegt. Während des NS-Regimes hatte der Flüsterwitz eine ambivalente Funktion. Ernst Hanisch weist darauf hin, dass manche Witze von den Nazis toleriert wurden, da diese eine Ventilfunktion für die Missstimmung der Bevölkerung erfüllten. Die Grenzlinie zwischen dem Witz, der die totalitäre Herrschaft zu bedrohen schien, und dem Witz, der toleriert wurde, war jedoch fließend. Außerdem war diese von der politischen und sozialen Position des Erzählers, der Gesamtlage des Regimes, dem Ort der Erzählung, der Intensität der Denunziation und letztlich von der politischen Polizei und den Gerichten abhängig.4

Bis 1943 forderte der anhaltende Führermythos den Witz besonders heraus. Rund zwanzig Prozent der Witze bezogen sich auf die Person Adolf Hitlers. Aber auch Görings Fettsucht und Goebbels Klumpfuß waren neben den Propagandalügen ein beliebtes Thema der Flüsterwitze. Ebenso konnten sich auch rassische Vorurteile direkt gegen die NS-Führer richten. Dies verdeutlicht dieser Flüsterwitz: „Lieber Gott mach mich blind, dass ich Goebbels arisch find‘.“5 Der Witz thematisierte Goebbels Aussehen, das im Widerspruch zu dem vom System und ihm selbst propagierten Idealtypus des „arischen Deutschen“ stand. Das Erzählen des Witzes bedeutete jedoch nicht, dass sich die jeweilige Person von der Rassenideologie der Nazis distanzierte oder dem NS-Regime kritisch gegenüber eingestellt war. Erst mit der steigenden Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem NS-Regime, der Bombardierung durch die Alliierten und dem nahenden Ende der NS-Dikatur wurden die Flüsterwitze systemkritischer. Über die SS und Gestapo wurden hingegen kaum Witze verbreitet. Dies dürfte laut Hanisch an der „geheimnisvollen und negativen Aura“ der gefürchteten Organisationen liegen, die die Zunge lähmte.

„Was ist das: Es sitzt auf der Wiese, ist nackt und frisst Gras? – Ein Deutscher im Jahr 1948.“6

Bereits 1946 veröffentlichte die Schauspielerin Hanna Dauberger unter dem Titel „Wien wehrt sich mit Witz“ über 238 Flüsterwitze. Ein Jahr später publizierte Minni Schwarz vier Hefte mit Flüsterwitzen, die den Titel „Lachen verboten! Flüster-Witze 1938-1945“ trugen. Der Soziologe und Wissenschafts-/Anarchismushistoriker Reinhard Müller veröffentlichte die Sammlungen der beiden Frauen in kommentierter Fassung unter dem Titel „Auf Lachen steht der Tod! Österreichische Flüsterwitze im Dritten Reich“. Besonderes antideutsche Witze, die sich über die sogenannten „Piefke“ lustig machten, waren weit verbreitet. Diese stellten jedoch nicht unmittelbar die NS-Diktatur in Frage. Vielmehr bestand das negative Image der Deutschen aus zwei Faktoren: dem Umstand, dass sich die Deutschen immer als klüger aufspielen würden und dem Gerücht, dass sie die bessere Ernährungslage in Österreich ausnützen würden. Gegen Kriegsende untermauerten die Witze auch das Selbstverständnis der Österreicher das erste Opfer Hitlers gewesen zu sein.

Wo ist auf der Welt das heißeste Klima? – In Österreich, denn da sind die Leute über Nacht braun geworden.“7

Witze wie dieser, der die wohlwollende Reaktion der ÖsterreicherInnen auf den sogenannten „Einmarsch“ der deutschen Truppen im Jahr 1938 aufs Korn nahmen, besitzen Seltenheitswert. Das 1947 von der Witzesammlerin Minni Schwarz verfasste Nachwort ist ebenso von der österreichischen Opferthese geprägt. So schreib sie pathetisch: „Mit jedem einzelnen Witz hat ein Österreicher dem anderen wieder ein Dosis Hoffnungsfreude eingeimpft, und wir haben uns gegenseitig dadurch für Minuten abgelenkt von dem furchtbaren Weltgeschehen, von der Angst um unsere Lieben und der Sorge um das Vaterland.“8 Aber auch die Deutschen übten in ihren Flüsterwitzen kaum Selbstkritik und machten primär die Führung der NSDAP für den Krieg verantwortlich. Ein Witz, der dies verdeutlicht ist der folgende: „Hitler, Himmler, Göring und Goebbels sitzen im Luftschutzbunker. Ein Volltreffer. Wer ist gerettet? Das deutsche Volk.“9 Aber auch das zum Flüsterwitz umgedichtete beliebte Lied „Lili Marleen“ spiegelt den Mythos der „von Hitler verführten Deutschen“ wieder: „Unter der Laterne, vor der Reichskanzlei – hängen alle Bonzen, der Führer hängt dabei. Und alle Leute bleiben stehn, sie wollen ihren Führer sehn. Der Flüsterwitz kann daher als konspiratives Element und Meinungsbarometer während der Zeit des NS-Regimes betrachtet werden. Ihn in die Kategorie des antifaschistischen Widerstands einzureihen, wäre hingegen bei weitem übertrieben.

Am Ende steht nun ein Flüsterwitz, der mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit enthält und den aktiven Widerstand der tschechischen Bevölkerung thematisiert. Er wird wohl bis in die Gegenwart hinein bei den AnhängerInnen der Sudetendeutschen Landsmannschaft für Entrüstung sorgen:

 „Welches ist das fleißigste Land? – Böhmen! Denn dort arbeiten sie Tag und Nacht: bei Tag für Hitler, bei Nacht für Beneš!“11

(Veröffentlicht in unique 12/12): http://www.univie.ac.at/unique/uniquecms/

1 http://www.mahnung-gegen-rechts.de/pages/fluesterwitze-01.htm

2 Ernst Hanisch: Der Flüsterwitz im Nationalsozialismus. In: Oswald Panagl, Robert Kriechbaumer (Hg.): Stachel wider den Zeitgeist. Politisches Kabarett, Flüsterwitz und subversive Textsorten. Böhlau Velag: Wien/Köln/Weimar 2004, 123.
3 Heinz Boberach: Meldungen aus dem Dritten Reich. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938–1945, 17 Bände. Bd. 13, Pawlak, 1989, S. 5217. Diesen Flüsterwitz erzählten sich die Menschen während der alliierten Luftangriffe im Ruhrpott 1943. „Tommy“ war die verbreitete Bezeichnung für einen britischen Soldaten.
4 Hanisch, 121f.
5 Ebd., 124.
6 Reinhard Müller (Hg.), „Auf Lachen steht der Tod! Österreichische Flüsterwitze im Dritten Reich‘“. Innsbruck 2009, 184.
7 Ebd., 99.
8 Ebd., 200.
9 Ebd., 124.
10 Hanisch, 128.
11 Müller, 53. Edvard Beneš war von 1935 bis 1938 Staatspräsident der Tschechischen Republik. 1938 war er in London Präsident der Exilregierung. Im Oktober 1945 erließ er als Staatspräsident die Beneš´-Dekrete, die die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei zur Folge hatte.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Flüsterwitze über Nazis

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s