Psychoanalyse: Gedankenfreiheit als Existenzbedingung

In den 1920er Jahren wurden Sigmund Freud, die Psychoanalyse und deren VertreterInnen interna­tional gefeiert. 1938 zerstörten die Nazis das Zentrum der psychoana­lytischen Bewegung in Wien. Sie verfolgten die PsychoanalytikerIn­nen und richteten an der Disziplin einen immensen Schaden an.

Sigmund Freud, als Begründer der Psycho­analyse, ist vielen Menschen bekannt. Be­reits 1902 gründete er die Psychologische Mitt­wochsgesellschaft, aus der sechs Jahre später die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) hervorging. Doch Freud arbeitete nicht allein. Zu seinen ersten SchülerInnen zählte u. a. Alf­red Adler, der Begründer der Individualpsycho­logie. Auch der spätere Begründer der analyti­schen Psychologie, Carl Gustav Jung, trat der WPV bei. Freud, Jung und Adler zählen heute zu den Begründern der Tiefenpsychologie. Das Wissen um das Wirken der unbekannteren Psy­choanalytikerInnen im Wien der 1920er und 30er Jahre ist jedoch in Vergessenheit geraten. Viele konnten nach dem ‚Anschluss‘ ins Aus­land fliehen. Einige wurden in den Konzent­rationslagern (KZ) der NationalsozialistInnen ermordet. Nach 1945 bemühte sich die öster­reichische Politik und Wissenschaft kaum, die vertriebenen PsychoanalytikerInnen zurückzu­holen. Dabei hatten gerade diese in ihrer jewei­ligen neuen Heimat die Psychoanalyse im gro­ßen Maß bereichert.

„Die Psychoanalyse kann nur dort gedeihen, wo Freiheit des Gedan­kens herrscht“ 1

Nach der Machtergreifung der NSDAP in Deutschland wurden die Werke der Psycho­analytikerInnen auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ 2 gesetzt. Die Psychoanalyse wurde im Weltbild der Nazis als ‚jüdische Wissenschaft‘ verstanden, da viele der führenden VertreterInnen JüdInnen waren.3 Zudem war die Psychoanalyse eine aufkläreri­sche Wissenschaft, die im Widerspruch zum nationalsozialistischen Weltbild stand. Bereits 1933 wurde die Deutsche Psychoanalytische Ge­sellschaft (DPG) von den Nazis unter Druck gesetzt. Der Vorsitzende der DPG und Freud- Schüler Max Eitington trat im November 1933 zurück und emigrierte ins damalige Palästina. Dort gründete er die Psychoanalytische Verei­nigung Palästinas. Auch die übrigen jüdischen Mitglieder mussten die verlassen.

Im März 1938 wurden in Österreich die Ein­richtungen der WPV auf Weisung der NSDAP zerstört. Bereits am 12. März 1938 hatte die Ge­stapo Freuds jüngste Tochter Anna verhaftet. Anna Freud war selbst als Psychoanalytikerin tätig und veröffentlichte eigene Werke. Nach­dem sie aus der Gestapo-Haft entlassen war, entschied sich Sigmund Freud, Wien zu verlas­sen. Er konnte mit seiner Familie im Juni 1938 nach Großbritannien emigrieren. Freud litt unter den Folgen seiner Krebserkrankung und beging im September 1939 Selbstmord. Anna Freud wurde Lehranalytikerin der British Psy­cho-Analytical Society. Sie war Mitbegründerin der Hampstead Nurseries, einem Betreuungs­heim für Kriegskinder und Kriegswaisen. 1945 betreute sie auch eine kleine Gruppe von Kin­dern aus Theresienstadt. Sie gilt neben Melanie Klein als Mitbegründerin der Kinderanalyse.

„Sie war eine menschliche Bewe­gung, eine humanistische Bewegung – mehr als alles andere“ 4

1938 wurden Bruno Bettelheim und Ernst Fe­dern verhaftet und in Konzentrationslager in­terniert. Bettelheim erkannten die Nazis den Doktortitel ab und inhaftierten ihn zunächst im Konzentrationslager Dachau. Später wur­de er in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt. Dort lernte Bettelheim Federn ken­nen. Die beiden entwarfen in ihren Diskussio­nen die Grundlagen der Psychologie des Terrors. Bettelheim hatte Glück und wurde aufgrund hartnäckiger Interventionen aus den USA nach einem Jahr aus dem Lager entlassen. Er emig­rierte in die USA und arbeitete als Psychoana­lytiker und Kinderpsychologe. Seine Erfahrun­gen in den Konzentrationslagern hielt er 1943 in seinem Aufsatz Individual and Mass Behaviour in Extreme Situations5 fest. An der Orthogenic School in Chicago entwickelte er die Milieuthe­rapie. Die Universität Wien revidierte die Aber­kennung des Doktortitels erst 2004.

Ernst Federn wurde 1945 von den US-Ameri­kanerInnen aus dem Konzentrationslager Bu­chenwald befreit. Als Mitglied der Revolutio­nären Kommunisten war er – neben dem Terror der Nazis im Konzentrationslager – auch den Schikanen der stalinistischen Kapos ausgesetzt. Nach seiner Befreiung ging er nach Belgien. 1946 veröffentlichte er seine Studie Versuch ei­ner Psychologie des Terrors6. In dieser versuchte Federn seine Traumata im KZ auf psychoanaly­tischer Basis zu verarbeiten. 1948 emigrierte Fe­dern mit seiner Frau in die USA. In New York editierte er gemeinsam mit Herman Nunberg die Protokolle von Sigmund Freuds Mittwochs­gesellschaft. Federn ist einer der wenigen Wis­senschaftler, der auf Einladung Österreichs 1972 zurückkehrte. Der damalige Bundeskanz­ler Bruno Kreisky hatte ihn gebeten, als Psycho­therapeut bei der Strafvollzugs-Reform mitzu­arbeiten. Federn nahm diese Einladung an und lebte bis zu seinem Tod 2007 in Wien.

Doch nicht alle AnhängerInnen der psycho­analytischen Bewegung konnten vor den Na­zis fliehen. Eine der ermordeten Analytike­rInnen war Margarethe Hilferding. Sie wurde 1910 als erstes weibliches Mitglied in die WPV aufgenommen. 1911 verließ sie im Zuge des Zerwürfnisses zwischen Adler und Freud die WPV. Neben ihrem Beruf als Allgemeinmedi­zinerin engagierte sie sich in der Frauenbewe­gung. Von 1918 bis 1934 war sie SPÖ-Bezirksrä­tin. 1938 arbeitete sie ehrenamtlich im Wiener Rothschild-Spital, dem Krankenhaus der Isra­elitischen Kultusgemeinde unter der Leitung Viktor Frankls. 1942 wurde Margarethe Hilfer­ding nach Theresienstadt deportiert und im September desselben Jahres im Vernichtungs­lager Treblinka ermordet.

Auf den Trümmern der Psycho­analyse

Die WPV konstituierte sich bereits 1946 neu. Sie fristete jedoch lange Zeit ein eher unbedeuten­des Dasein. Der Terror des NS-Regimes hatte die lebendige und vielseitige Disziplin der Psycho­analyse in Österreich stark beschädigt. Erst 1971 erfolgte laut der Psychoanalytikerin Elisabeth Brainin im Zuge des International Psychoana­lytic Association-Kongresses (IPA) in Wien die eigentliche ‚Rehabilitierung‘ der WPV. Durch die StudentInnenbewegung und den IPA-Kon­gress war die Psychoanalyse wieder in das Be­wusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Die Aus­sage Freuds gilt somit auch für die Geschichte der Psychoanalyse: „[…] die Stimme des Intel­lekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat.“

veröffentlicht in der unique 11/2012: http://www.univie.ac.at/unique/uniquecms/

Anmerkungen:

1 Zitat von Anna Freud; die Zitate wurden Luzifer Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse (Heft 31 und 32) entnommen. Die Lektüre der Zeit­schrift ist allen an der Thematik interessierten Men­schen empfohlen.
http://www.luzifer-amor.de/

2 Liste der von den Nazis verbotenen Schriften:
http://www.berlin.de/rubrik/hauptstadt/verbannte_buecher/az-autor.php

3 http://www.verbrannte-buecher.de

4 Zitat von Bruno Bettelheim; siehe Fußnote 1.

5 Auszug des Aufsatzes von Bruno Bettelheim:
http://www.brown.uk.com/brownlibrary/BET.htm

6 Nähere Infos zur Studie von Ernst Federn:
http://www.hagalil.com/archiv/2010/04/10/psychologie-des-terrors/

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