Der pathologische Antiamerikanismus der Linken

Die Palette der propagierten ,linken‘ antiamerikanischen Ressentiments ist groß. Denn immerhin gelten die USA im Jargon der selbsternannten AntiimperialistInnen ja als die „Führungsmacht des kapitalistischen Imperialismus, der seine Kulturlosigkeit den Völkern ohne Rücksicht aufoktroyieren möchte“. Dabei übersehen jene nur allzu gerne, dass die deutschsprachigen Linken eigentlich von den USA und deren Zivilgesellschaft stark geprägt wurden. 

„Wissen Sie, was die 68er und die Studierendenproteste ausgelöst hat?“, fragte mich Wolfgang Wippermann, Geschichtsprofessor an der FU Berlin, bei einer Nachbesprechung zu einem Hauptseminar im Herbst 2008. Ich überlegte und antwortete: „Ich denke, dass das der Vietnamkrieg war. Und natürlich der Protest gegen die alten Nazis in den Institutionen der Bundesrepublik.“ Wippermann lächelte, „Also primär war das die Musik und die ganze Protestbewegung, die aus den USA rüber nach Europa gekommen war.“ Dann musste auch ich lächeln, denn so unverblümt hatte ich das noch nie aus dem Mund eines Zeitzeugen der 68er-Bewegung gehört. Aber Wippermann hatte natürlich recht. Die Hippies, Beatniks, der Jazz und die Rockkultur als politischer Ausdruck eines Lebensgefühls waren in den USA entstanden. Damit verbunden war die Sehnsucht nach einer neuen freieren Gesellschaft. In der damaligen verstaubten und mit Nazimief überzogenen bundesdeutschen Gesellschaft hatte dieses Lebensgefühl im positiven Sinn die Verhältnisse ,zum Tanzen‘ gebracht.

2008 war schlichtweg das Gedenkjahr der 68er-Bewegung in Berlin. Im Willy-Brandt-Haus war eine Fotoausstellung zu sehen, im Ephraim-Palais des Stadtmuseums Berlin und im Amerikahaus liefen Ausstellungen mit programmatischen Titeln wie Berlin 68. Sichten einer Revolte und 68 Brennpunkt Berlin. Es wurden Vorträge und Lesungen mit damaligen ProtagonistInnen abgehalten – wobei die männlichen Vertreter deutlich in der Überzahl waren. In Kinos flimmerten Dokus über Rudi Dutschke, die Kommune1 und die Anti-Schah-Demonstration über die Leinwand. Kurzum: Die 68er-Generation feierte sich selbst. Viele jüngere Menschen beteuerten, wie schade es doch sei, damals nicht dabei gewesen zu sein. In jenem Jahr wurden aber auch kritische Stimmen laut. Einer davon war der Historiker und selbst ehemalige 68er-Aktivist Götz Aly. In seinem Buch Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück kritisiert er die antidemokratischen und reaktionären Traditionslinien der 68er und vergleicht diese mit der Generation von 1933 – jenem Jahr, in dem Hitler in Deutschland an die Macht kam. Das Buch wurde von der Öffentlichkeit und Fachwelt heftig kritisiert. Doch im Hinblick auf den Antiamerikanismus und den Israelhass der RAF (Rote Armee Fraktion) sowie sämtlicher antiimperialistischer K-Gruppen (Kommunistische Kadergruppen) trifft er ins Schwarze. Problemfelder, die von den meisten Linken bis heute verdrängt oder relativiert werden.

Radikales Amerika

Bommi Baumann und Till Meyer waren während der 1970er Jahre Mitglieder der Bewegung 2. Juli, die sich nach eigenen Angaben als „proletarischer Teil der damaligen Stadtguerilla“ sah. In ihrem Buch Radikales Amerika aus dem Jahr 2008 setzen sie sich mit der amerikanischen Protestkultur auseinander. Darin wehren sie sich gegen den Vorwurf, antiamerikanisch gewesen zu sein und heben den positiven Einfluss der USA auf die 68er-Generation hervor. Im Hinblick auf die USA und den Rassismus gegenüber der afroamerikanischen Community merken die beiden Folgendes an: „Von Amerika konnte man lernen, da es, indem es dieses Problem offen ausgesprochen und die öffentliche Auseinandersetzung gesucht hatte, Veränderungen herbeigeführt hat. Es hat eben nicht die Zustände verharmlost, ignoriert oder negiert. Man muss sich dabei vor Augen führen: Im Amerika der 30er- und 40er-Jahre war der Ku-Klux-Klan vier Millionen Mitglieder stark. Heute zählt er nur noch ein paar Hunderttausend, in einer Zeit, in der jemand wie Barack Obama als erster schwarzer Präsidentschaftskandidat 2008 eine echte Chance hat, Präsident zu werden.“

In jenem ,68er-Revival-Summer‘ machte ich im APO-Archiv (Archiv für Außerparlamentarische Opposition und Soziale Bewegungen) ein Praktikum. Unter anderem sollte ich die Flugblätter sämtlicher Politgruppen an der FU Berlin aus den Jahren 1967 bis 1970 thematisch sortieren. Schon am ersten Tag wurde mir bewusst, dass die 68er-Bewegung ein Sammelsurium an Weltbildern und Ideologien umfasste. Beim Sortieren der Flugblattsammlung stellte ich fest, dass bis zum Jahr 1968 auf den Flugblättern Begriffe wie ,Happening‘, ,Go-in‘ und ,Teach-ins‘ zu finden waren. Aktionsformen, die viele Gruppen der APO aus den USA übernommen hatten. Der Antiamerikanismus im Sinne einer über den Vietnamkrieg hinausragenden Kritik wurde damals primär von autoritären K-Gruppen, die sich an China oder der Sowjetunion orientierten, verbreitet. Schon damals äußerte sich das Ressentiment gegen die USA durch ihren Slogan „USA – SA – SS“ . Eigentlich sollte dies ein absolutes No-Go für die Nachfahren Nazideutschlands sein. Doch spätestens mit der Auflösung der APO setzten sich nur noch wenige Linke tiefergehend mit der Nazivergangenheit Deutschlands auseinander.  Zum Feindbild Nummer eins zählten während der 1970er und 1980er Jahre innerhalb der linken Szene also nicht Nazideutschland sondern die USA und Israel. Eine Form der Projektion, um sich nicht mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen zu müssen.

Antiimperialistischer Kad(av)ergehorsam

Die AktivistInnen der ehemaligen APO gingen verschiedene Wege. Manche versuchten durch einen ,langen Marsch durch die Institutionen‘ die Gesellschaft zu verändern. Einige schlossen sich dem – im damaligen Jargon – ,bewaffneten Kampf‘ von Gruppen wie der RAF an, die nach der Logik ,Mensch oder Schwein‘ eine blutige Spur durch die Bundesrepublik zogen. Einige Hunderttausende gingen nach der APO-Zeit in autoritäre dogmatische Politgruppen mit sektenartigen Strukturen – wie beispielsweise den KB (Kommunistischen Bund) oder die KPD/AO (Kommunistischen Partei Deutschlands/Aufbauorganisation). Statt eines ,Hearings‘ oder ,Go-ins‘ standen nun Zentralkomitee-Sitzungen und Kad(av)ergehorsam an der Tagesordnung. Arbeiterchöre und Ernst Busch an Stelle von Woodstock und Bob Dylan. Happenings und Aktionismus wurden als bourgeoise Auswüchse kleinbürgerlicher Linker gebrandmarkt. Und das obwohl die Mehrzahl der damaligen K-Gruppen-Gurus aus genau jenen Verhältnissen stammten. Zielstrebig wurde im maoistischen Stil Israel als „Brückenkopf der USA“ tituliert und die USA als kulturlos und „Hort des kapitalistischen Imperialismus“ gebrandmarkt. Als linker Chic galt es damals auch, sich mit den verschiedensten ,Nationalen Befreiungsbewegungen‘ solidarisch zu erklären. Dabei spielte es keine Rolle, ob diese links oder progressiv waren – wichtig war nur, dass jene gegen das „Imperium USA“ und „USrael“ kämpften. Und so kam es, dass selbst Jahre nach der Glanzzeit der K-Gruppen viele Linke ganz selbstverständlich Muammar al-Gaddafi und Saddam Hussein verteidigten. Bis heute sind stupide Slogans wie „USrael“ und Verschwörungstheorien von der „amerikanischen Ostküste“ innerhalb der linken Szene existent. Dasselbe Vokabular lässt sich übrigens auch bei Rechtsradikalen und IslamistInnen finden. Doch scheinbar haben viele der sogenannten linken AntiimperialistInnen damit kein Problem. Denn wie ist es sonst erklärbar, dass jene fanatisch Hisbollah-Fahnen schwenken, sich mit dem Iran und Ahmadinedschad solidarisch erklären, palästinensischen SelbstmordattentäterInnen huldigen, Verständnis für al-Qaida zeigen und verklärt von der radikalislamistischen Hamas als sozialer Bewegung träumen? Ist das mit den Werten von „Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit“ vereinbar? Mitnichten. Vielleicht haben auch so manche der ,Linken‘ nach den Anschlägen von 9/11 und nach der Ermordung des US-Botschafters in Libyens am elften Jahrestag der Anschläge gejubelt. Ich würde es ihnen in ihrem pathologischen Amerikahass durchaus zutrauen. Shame on you!

Claudia Aurednik – veröffentlicht in der Unique, Ausgabe 10/12

Literaturhinweise:

Dan Diner: Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments. 3. Auflage. Ullstein Heyne List. München 2002. 20,– EURO

Michael Hahn (Hg.): Nichts gegen Amerika. Linker Antiamerikanismus und seine lange Geschichte. Konkret Literaturverlag. Hamburg 2003. 15,– EURO

Gunnar Hinck: Wir waren wie Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre. Rotbuch. Berlin: 2012. 19,95 EURO

Andrei S. Markovits: Amerika, dich haßt sichs´s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa. Konkret Literaturverlag. Hamburg: 2004. 15,– EURO

Tilman Tarach: Der ewige Sündenbock. Heiliger Krieg, die „Protokolle der Weisen von Zion“ und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahostkonflikt. 3. Auflage. Edition Telok. Freiburg: 2010. 19,80 EURO

Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich: http://www.gegendenantisemitismus.at/texte.php

DÖW: „Antiamerikanismus als Gebot der Stunde“: http://www.doew.at/frames.php?/projekte/rechts/chronik/2004_09/demo.html

Rote Ruhr Uni: Fabian Kettner „Elemente des Antiamerikanismus“: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Elemente-des-Antiamerikanismus.html

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