Die Utopie von der Bildungsgerechtigkeit

Die Neue Mittelschule (NMS) wird von ihren AnhängerInnen als „Meilenstein der Schulreform“ gefeiert und von ihren GegenerInnen als „sozialistische Gleichmacherei“ gebrandmarkt. Doch was ist dran an der Neuen Mittelschule? Wird sie ein egalitäres Bildungssystem abseits sozialer Selektionen ermöglichen? Oder ist sie viel mehr eine Reform der veralteten Hauptschule?

Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SP) hatte sich vor vier Jahren mit der grundlegenden Reform des österreichischen Schulsystems ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: die Gesamtschule. Diese sollte von allen zehn- bis vierzehnjährigen SchülerInnen besucht werden und der früheren Aufsplitterung des Bildungssystems in Gymnasium und Hauptschule ein Ende bereiten. Doch es kam letztlich doch anders als gedacht. Jahrelang hagelte es Kritik aus den Reihen des konservativen BildungsbürgerInnentums, das sich strikt gegen die Umsetzung der Gesamtschule aussprach. Manche befürchteten gar, dass Schmied mit ihren Plänen „sozialistische Gleichmacherei“ betreiben würde. Andere sprachen von einem unvermeidlichen „Absinken des Schulniveaus“ und dem „Ende des altbewährten Leistungsprinzips der Schule“. Letztendlich musste Schmied mit der Koalitionspartnerin einen Kompromiss finden und dieser heißt: Neue Mittelschule (NMS) neben weiter bestehenden Gymnasien.

Quo vadis, NMS?

Bis zum Schuljahr 2018/19 sollen nun alle Hauptschulen in NMS umgewandelt werden. Dem Pressematerial der Ministerin zur Folge werden ab diesem Zeitpunkt ungefähr 70 Prozent der zwischen dann zehn- bis vierzehnjährigen SchülerInnen die NMS besuchen.  Die Klassenhöchstzahl soll pro Klasse maximal fünfundzwanzig SchülerInnen umfassen. Diese sollen während der vier Schuljahre eine vertiefte grundlegende Allgemeinbildung und in Schwerpunktfächern eine individuelle Förderung erhalten. Die an den Hauptschulen geführten drei Leistungsgruppen in den Hauptfächern wird es hingegen an der NMS nicht geben. Und anstelle des pädagogisch veralteten Frontalunterrichts der Hauptschule werden neue Konzepte wie Kleingruppenunterricht, projektorientiertes Lernen sowie Kunst- und Kulturvermittlung treten. „Schwache“ SchülerInnen sollen pro Woche bis zu sechs Stunden zusätzlich in Förderkursen und individuellen Förderprogrammen unterstützt werden. Die NMS möchte auch SchülerInnen mit Migrationshintergrund schulisch besser unterstützen, und die Chancengleichheit unabhängig vom Geschlecht fördern. Der Begriff ‚Gender’ findet sich sogar im pädagogischen Konzept der NMS. Eigentlich ein progressives Projekt – nicht nur auf den ersten Blick.

Bildungsaufstieg mit/trotz NMS?

Am Ende der NMS erfolgt der Übertritt in die neunte Schulstufe. Dem Begutachtungsentwurf zur NMS ist zu entnehmen, dass ein Übertritt in die Oberstufe einer Allgemein Höheren Schule (AHS) und Berufsbildende höhere Schulen (BHS) möglich ist, wenn das „Bildungsziel der vertieften allgemeinen Bildung“ in allen vier differenzierten Pflichtgegenständen erreicht ist. Ist hingegen nur das Bildungsziel einer „grundlegenden allgemeinen Bildung“ erreicht, ist der Aufstieg in eine AHS bzw. BHS mit einem Beschluss der Klassenkonferenz möglich. Außerdem wird es weiterhin die Möglichkeit einer Aufnahmeprüfung für die höheren Schulen geben. Auch der Übertritt in eine Berufsbildende Mittlere Schule (BMS) wird an einen Notendurchschnitt gebunden sein. Nur der Besuch der Polytechnischen Schule ist wie heute nach dem Hauptschulabschluss jederzeit möglich. Diesen Bildungsweg schlagen derzeit 28 Prozent der HauptschulabsolventInnen ein. Ebenfalls 28 Prozent besuchen eine Berufsbildende Höhere Schule, 21 Prozent eine Fachschule und nur sechs Prozent wechseln in eine AHS-Oberstufe. Ob es künftig nach einem Besuch der NMS zu einem verstärkten Übertritt in die gymnasiale Oberstufe kommen wird, ist  aufgrund der Aufnahmekriterien fraglich. Denn die meisten HauptschülerInnen befolgen nach der achten Schulstufe den Ratschlag ihrer Eltern und besuchen Schulen bzw. eine Lehre, die direkt in den Beruf führen. Für viele HauptschülerInnen ist es gegenwärtig nicht einfach selbstverständlich, aufs Gymnasium zu gehen und anschließend zu studieren.

Egalitäre Bildung?

Es ist daher davon auszugehen, dass die NMS die schulische und soziale Selektion nicht beenden wird. Gegenwärtig erfolgt diese nach dem Besuch der Volksschule durch die Benotung der VolksschullehrerInnen. Neben der Benotung von schulischer Seite ist aber auch die Entscheidung der Eltern für oder gegen den Besuch eines Gymnasiums ausschlaggebend. Studien ergaben, dass Eltern aus urbanen AkademikerInnenfamilien am stärksten für den Besuch Ihrer Kinder plädieren und sich auch nicht von der Entscheidung der LehrerInnen beeinflussen lassen. Oftmals werden diese Kinder bereits  in der vorschulischen Bildung bestmöglich gefördert; das spätere Studium wird vom Elternhaus in den meisten Fällen mental und finanziell unterstützt.

Ganz anders verhält es sich bei Kindern aus „nicht privilegierten“ Familien, die von dem Elternhaus wenig bis gar keine Unterstützung erfahren und für den Besuch des Gymnasiums kämpfen müssen. Haben sie dieses absolviert, so ist eine universitäre Ausbildung oft keine Selbstverständlichkeit. Soziologische Forschungen ergaben, dass es besonders schwierig ist für Frauen, deren Eltern nur einen Pflichtschulabschluss haben und  aus einer Kleinstadt kommen einen Universitätsabschluss zu erlangen. .Von denjenigen wenigen die eine Matura schaffen, erreichen gerade einmal nur zwei Prozent einen Universitätsabschluss (vgl. auch den Titel des Buches:  „Keine Chance für Lisa Simpson?“). Maßgeblich für die geringe AbsolventInnenquote sind unter anderem die fehlende mentale Unterstützung des Elternhauses sowie die Problematik der Studienfinanzierung. Aber auch die fremde akademische universitäre Sprache und der Habitus des Systems Universität mit seinen immer stärker hervortretenden Selektionsmaßnahmen schrecken interessierte StudentInnen aus ‚nicht privilegierten’ Familien ab. Das universitäre System, das auf Elitenbildung und akademische Netzwerke aufbaut, bietet jedenfalls keine Hilfestellungen für jene StudentInnen. Unterstützung und Hilfe können sich diese gegenwärtig nur bei zwei Initiativen holen dem Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende (FIKUS) der ÖH Uni Wien und dem Mentoringprogramm Arbeiterkind.at. Somit ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass eine akademische Elitenkontinuität im Universitätssystem vorherrschend ist.

Finnische Schulen

Eine Gesamtschule nach finnischem Vorbild hätte zu einem egalitäreren Bildungssystem beitragen können. In Finnland besuchen alle SchülerInnen eine neunjährige Gesamtschule und werden in dieser individuell durch LehrerInnen und SozialarbeiterInnen unterstützt. Finnland hat sich zum Ziel gesetzt jedem/jeder BürgerIn unabhängig von Alter, Geschlecht, wirtschaftlicher Situation und sozialer Herkunft kostenlos zu gewährleisten. Das finnische Motto, wonach keine SchülerInnen zurückbleiben dürfen, hat sich als überaus erfolgreich erwiesen. Finnland lag im Spitzenfeld der letzten PISA-Studien. Konservative KritikerInnen, die mit dem Argument, dass eine Gesamtschule zur „Senkung des Bildungsniveaus“ führen würde, können jedenfalls mit dem Verweis auf das erfolgreiche finnische Gesamtschulsystem zum Schweigen gebracht werden. Es ist vielmehr überaus bedauerlich, dass sich eine weitgehende Reformation des österreichischen Schulsystems hin zu einer Gesamtschule „in der jede/r  SchülerIn zählt“ nicht durchgesetzt hat.

Die NMS stellt im Vergleich zu dem längst reformbedürftigem Hauptschulsystem sicher eine Verbesserung dar und enthält aktuelle pädagogisch wertvolle Ansätze. Doch leider wird es durch die Aufsplitterung des Schulsystems in NMS und Gymnasium weiterhin zu einer Selektion der SchülerInnen kommen. Die Unterrichtsministerin Claudia Schmied hält trotz der NMS weiterhin an der Gesamtschule fest. Es ist jedoch fraglich ob sie sich gegen die bildungskonservativen AnhängerInnen und BefürworterInnen der akademischen und schulischen Eliten durchsetzen kann. Für die Durchsetzung eines egalitären Bildungssystems braucht es aber nicht nur die Initiative von Parteien, sondern das Engagement und die Unterstützung durch engagierte WissenschaftlerInnen, Intellektuelle und die Zivilgesellschaft.

(Veröffentlicht in der Unique 11/2011)

In Wien gibt es zwei Initiativen, die StudentInnen aus nicht-akademischen Familien unterstützen:

Arbeiterkind.at…
ist ein Netzwerk, dass StudentInnen und SchülerInnen aus nicht-akademischen Familien bei ihrem Studium ermutigt und unterstützt. Die Initiative ist die österreichische Ablegerin von Arbeiterkind.de, welche von Katja Urbatsch gegründet wurde und mittlerweile deutschlandweit 80 Ortsgruppen umfasst. Das Netzwerk stellt praktische Informationen zu Studien- und Finanzierungsmöglichkeiten auf ihrem Internetportal zu Verfügung. Das Besondere an Arbeiterkind.at sind aber die ehrenamtlichen MentorInnen, die sich persönlich und individuell um die Probleme der StudentInnen und SchülerInnen kümmern. Seit Oktober 2011 ist es auch möglich sich virtuell über Opennetworx (eine Kommunikationsplattform) zu vernetzen und mitzudiskutieren. Einmal im Monat gibt es die Möglichkeit, die  ehrenamtlichen MitarbeiterInnen  im Café Einstein persönlich kennenzulernen. Arbeiterkind.at hat vor kurzem auch eine Gruppe in Graz und Leoben gegründet.

ÖH-Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende/Uni Wien…
wurde im Oktober 2003 als Arbeitskreis an der ÖH der Uni Wien gegründet. Seit dem Wintersemester 2005/06 wurde aus dem Arbeitskreis ein autonomes Referat an der ÖH der Uni Wien. Dieses organisiert Arbeits- und Organisationstreffen und Tutorien für StudentInnen aus Nichtakademikerfamilien.  Ein wichtiges Anliegen des Referates ist es auch an der Uni Wien ein öffentliches Bewusstsein für die Probleme jener StudentInnen zu schaffen. Die ÖH unterstützte 2007 den Druck des Buches „Keine Chance für Lisa Simpson? Soziale Ungleichheit im Bildungssystem“, das einen umfassenden Einblick in die Thematik ermöglicht (siehe unten unter „Lesenwertes“).

Kontakte:

Arbeiterkind.at
wien@arbeiter-kind.at
http://www.arbeiter-kind.at/
Soziale Netzwerk: http://www.arbeiterkind-at.opennetworx.org

rFikuS – ÖH Uni Wien
arbeiterInnenkinder@oeh.univie.ac.at
http://www.oeh.univie.ac.at/arbeitsbereiche/fikus/
Mailingliste: arbeiterInnenkinder-subscribe@yahoogroups.de

Lesenswertes:
Ingolf Erler (Hg.): Keine Chance für Lisa Simpson. Soziale Ungleichheit im Bildungssystem. ÖH-Edition. Mandelbaum: Wien 2007. http://mandelbaum.at/books/761/6979

Katja Urbatsch: Ausgebremst. Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt. Heyne: München 2011.

Utopie von der Bildungsgerechtigkeit Claudia Aurednik Unique 11_ 2001

Utopie von der Bildungsgerechtigkeit Claudia Aurednik Unique 11 2011

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