Transformation kollektiver Erinnerung

Das Ausstellungsprojekt „eine Arbeit, die das, was sie reflektiert, nicht los wird“ setzt sich mit den kolonialen, faschistischen und nazistischen Praktiken in Österreich auseinander

„Opa war beteiligt an der industriellen Vernichtung von Menschen!“ und „Gilt es noch immer als ruhmreich, für den Nationalsozialismus gekämpft zu haben?“. Diese Aussagen und Fragen entdecken die BesucherInnen in der Installation „Verdrängungskonglomerat“ von Christian Gangl. Der Künstler illustriert mit seiner Arbeit die unterschiedlichen Verdrängungsansätze der österreichischen Nachkriegsgesellschaft im Hinblick auf die NS-Zeit. Gangl hinterfragt die populäre Darstellung von Wehrmachtssoldaten, die im Krieg „ja nur ihre Pflicht für das Vaterland erfüllt haben“ und weist auf die bis heute existenten Kontinuitäten des Nationalsozialismus und Faschismus hin. Er ist einer jener KünstlerInnen, die sich in der Kunsthalle Exnergasse im WUK mit den Auswirkungen kolonialer, faschistischer und nazistischer Praktiken auseinandersetzen (1).

Ziel der AusstellerInnen ist es nach eigenen Angaben, eine Erinnerungsarbeit zu leisten, die die Relativierung von Genoziden und die Erschaffung von Gedächtniskonkurrenzen vermeidet. Der Ausstellungstitel bezieht sich auf Astrid Messerschmidts Aussage, wonach „eine Arbeit, die das, was sie reflektiert, nicht los wird“, eine „Erinnerungsarbeit bezeichnet, die sich mit eliminatorischen Gewaltherrschaften wie Kolonialismus und Nazismus auseinandersetzt, wobei deren Ähnlichkeiten und Unterschiede, deren Kontinuitäten und Brüche betrachtet werden.“ (2) Die KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen kommen aus verschiedenen Ländern und Communities und stehen nach eigenen Angaben „durch eine gemeinsame Geschichte künstlerischer, theoretischer und aktivistischer, folglich auch politischer Auseinandersetzung miteinander in Verbindung“.

Desintegrieren wir uns

Dementsprechend vielseitig und spannend sind deren Beiträge. Zwei Dokumentarfilme beleuchten die Diskriminierung und Verfolgung der Roma in der Vergangenheit und Gegenwart. In dem Film „Eine lästige Gesellschaft“ sucht die Regisseurin Marika Schmiedt nach ihrem im Nationalsozialismus verfolgten Verwandten. Eduard Freudmann und Ivana Marjanović zeigen in „Uglyville – eine Auseinandersetzung über Antiromanismus in Europa“ den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Rassismus am Beispiel der Zerstörung einer Romasiedlung während des Sportfestivals „Universiade Belgrad 2009“. Kapitalismuskritisch setzt sich auch Marcel Mališ in seinem Druck „Erstereich“ mit dem aktuellen Einflussbereich der „Erste Bank“ in den Grenzen des ehemaligen HabsburgerInnenreiches auseinander. Die Kontinuität der TürkInnenfeindlichkeit wird anhand einer Wienkarte, die insgesamt rund 140 Denkmäler umfasst, aufgezeigt. Beiträge zum Thema Diskriminierung schwarzer Menschen in Österreich liefern die „Recherchegruppe zu schwarzer österreichischer Geschichte und Gegenwart“ sowie der Künstler Can Gülcü mit der Installation „Handapparat Migration“.

Die Arbeitsgruppe „Plattform Geschichtspolitik“ ist im Rahmen der Bildungsproteste 2009 entstanden, um „die Teilnahme der Akademie der bildenden Künste Wien an Kolonialismus, (Austro-) Faschismus und Nazismus kritisch zu reflektieren und öffentlich zu behandeln. Für die Ausstellung entwickelte sie eine Datenbank, die unter folgender Adresse abrufbar ist: http://interventionplease.plattform-geschichtspolitik.org/

Anmerkungen: 

1 Die AusstellungsgestalterInnen verwenden zur Beschreibung des Nationalsozialismus den Begriff „nazistisch“.

2 Astrid Messerschmidt ist Professorin für interkulturelle Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. a. zeitgeschichtliche Erinnerungsarbeit

(Veröffentlicht in der Unique 05/2011)

Transformation kollektiver Erinnerung WUK - Unique


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