Sinnes-Wahn/Wahn-Sinn: „Power Up – Female Pop Art“

Die „Pop Art“ (engl. popular: beliebt, volkstümlich)  – Sammelbegriff für eine Kunstrichtung, die das Lebensgefühl der Sixties vermittelt und zugleich einen Bruch mit den etablierten künstlerischen Ausdrucksformen darstellt. Im Rahmen der Pop-Art wurden männliche Künstler wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Richard Hamilton und Peter Blake berühmt. Die weiblichen Pop-Art Künstlerinnen  hingegen gerieten weitgehend in Vergessenheit. Die Ausstellung „Power up – Female Pop Art“ in der Kunsthalle Wien möchte mit den gängigen Klischees der männlichen Pop-Art brechen und einer neuen Rezeption der Kunstrichtung anregen.

 „The Next Great Moment in History is Ours“ (Dorothy Iannone)

Der Besuch der Ausstellung „Power up – Female Pop Art“ vermittelt den BesucherInnen einen interessanten Einblick in die Kunst- und Lebenswelten der neun Pop Art-Künstlerinnen. Die einzelnen Ausstellungsobjekte und Kunstwerke von Evelyne Axell, Sister Corita, Christa Dichgans, Rosalyn Drexler, Jann Haworth, Dorothy Iannone, Kiki Kogelnik, Marisol und der bekannte Niki de Saint Phalle sind durch den jeweiligen individuellen Stil und die unterschiedlichen Darstellungsformen geprägt. Thematisch bilden jedoch die Darstellung von weiblicher Wahrnehmung und Sexualität sowie das Aufzeigen gesellschaftlicher Missstände eine gemeinsame Klammer.

Die Kunstwerke selbst sind weitgehend vom vorherrschenden Geschlechterdualismus geprägt. Die auf den Ausstellungsobjekten abgebildeten Frauen stellen ihre Sexualität und ihren Körper zwar offen und selbstbewusst dar – als sexueller Kontrast dient der männliche Körper. Auch das Verhalten zwischen den Geschlechtern zielt auf die gesellschaftlichen Zuschreibungen von „typisch weiblichen“ und „typisch männlichen“ Verhalten ab. Betrachtet man die Werke der Künstlerinnen in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext, so können diese dennoch als überaus progressiv und emanzipiert betrachtet werden. Denn viele der zwischen 1918 bis 1942 geborenen Künstlerinnen setzten sich bereits Jahre vor der Zweiten Frauenbewegung in ihren Ausstellungsobjekten mit selbstbestimmter weiblicher Sexualität auseinander.  Doch trotz der ausgelösten Skandale blieben die weiblichen Künstlerinnen zumeist ungehört. Die österreichische Künstlerin Kiki Kogelnik illustrierte dies in ihrem Bild „Tongue Operation“ in der einer Frau mit Scheren die Zunge abgeschnitten wird.

„Do not be discouraged that we are few. We shall be many with love to the everyday miracle“ (Sister Corita)

Die Bilder der weiblichen Pop Art-Künstlerinnen weisen ebenso wie jene der männlichen Pop Art spezifische Merkmale auf. So dominieren plakative Abbildungen und Alltagsgegenstände in Primärfarben, Siebdrucke von Buchstaben und Textbildern sowie fortschrittsgläubige Space-Age-Motive. Die dargestellte Sexualität ist jedoch bei den weiblichen Künstlerinnen selbstbestimmter und nicht primär an der Werbung orientiert. Die abgebildeten Frauen werden nicht mehr zu Illustrationsobjekten männlicher Begierde degradiert. Und so finden die BesucherInnen der Ausstellung keine sadomasochistischen Schaufensterpuppen in devoter Pose á la Allen Jones. Vielmehr werden diese mit der Thematik des Kindesmissbrauchs durch Niki de Saint Phalles in ihrem Film Daddy (1972/73) konfrontiert. Kunst war für Niki de Saint Phalle ein wichtiges Mittel der Verarbeitung ihres eigenen Missbrauchs durch den Vater. Mit ihren Schießbildern schoss sie auf ihren Vater, auf Männer, die Gesellschaft und deren Normen.

Die Ausbeutung der Frau durch den männlichen Blick der Pop Art-Künstler wurde durch Evelyne Axell in ihrem Gemälde Ice Cream (1964) dargestellt. In diesem leckt eine Frau versunken und genussvoll an einer Tüte Eis – eine Anspielung auf Fellatio. Das Bild wirkt jedoch nicht pornographisch und anzüglich und verdeutlicht Evelyne Axells Intention: „Ich möchte freie Bilder schaffen, die jede Art der Leidenschaft abbilden und zugleich so brillant sind, dass sie den Appetit der Massen anregen“  (1). Die Kunst, der weiblichen Pop Art unterlag unter einem positiven Bezug zur Weiblichkeit und zum technischen Fortschritt.

 „I´m not involved with Coca Cola. I´m involved in the technical beauty of rockets, people flying space and people becoming robots“ (Kiki Kogelnik)

Die Zeit des Raumfahrtzeitalters der 1960er Jahre beeinflusste auch die Pop Art. Die Künstlerinnen experimentierten mit neuen Materialen wie Lack und Glanzfolie sowie neuen Techniken. Das Sujet der Raumfahrerin in den Werken der Künstlerinnen vermittelte den Aufbruch in neue positive Zeiten.  Evelyne Axell entwickelte eine eigene Technik, in der sie aus durchsichtigen und durchscheinenden Plastikplatten die Umrisse ihrer weiblichen Akte ausschnitt. Sie setzte sich auch sehr intensiv mit dem Raumfahrtzeitalter auseinander. Der Astronautenhelm findet sich als Motiv auf vielen ihrer Werke. Ihr Bild Valentine (1966) ist eine Hommage an die sowjetische Kosmonautin Walentina Tereschkowa – die erste Frau im Weltall. Doch auch Kiki Kogelnik ließ sich vom Spaceage inspirieren. 1965 fertigte sie ihr Werk „Space Angel“ an, das sie mit Hilfe von Scheren, Nietmaschinen und Schweißbrennern anfertigte. 1969 zum Zeitpunkt der Mondlandung stellte Kogelnik im Zuge ihres Projekts „Moonhappening“  Siebdrucke über die Mondlandung her. Der positive Bezug zur Raumfahrt und die Vision einer friedlichen Welt im All kann auch Kontext zur damaligen Politik betrachtet werden. Denn schließlich tobt während des Space Ages der Vietnamkrieg.

„Manpower – Where have all the flowers gone?“ (Sister Corita „Moonflowers“ 1969)

Die Ordensschwester Sister Corita engagierte sich in ihren Werken gegen den Vietnamkrieg und den Rassismus. In den frühen 1960er Jahren entdeckte Sister Corita das Siebdruckverfahren und nutzte diese zur Verbreitung ihrer Kunstwerke. Diese Form der Reproduktion kam ihr sehr gelegen, da ihre Bilder so kostengünstig verbreitet werden konnten. Der Titel der Ausstellung „Power up“ geht auf ihren gleichnamigen Schriftzug zurück, den sie 1965 anfertigte. Denn Sister Coritas Anspruch war es Kunst nicht nur für Eliten zu produzieren. Sie nutzte Versatzstücke aus der Welt der Massenmedien und stellte diese in einen neuen Kontext. Ihr Werk ist von politischen Fragen und sozialem Engagement gekennzeichnet. Corita unterrichtete Kunst am Immaculate Heart College und erfreute sich großer Beliebtheit. 1969 musste sie wegen der sich verschärfenden Konflikte mit der Erzdiözese aus dem Orden austreten. Einen Kontrast zu Sister Coritas politisch aufgeladenen Bildern stellen Christa Dichgans realistische Stilleben dar. Die kindheitsgetreuen Abbildungen aufblasbarer Gummiobjekte sowie Haushaltsgegenstände  kritisieren auf subtile Art die Konsumkultur und die Wegwerfgesellschaft.

„It was a female language to which the male students didn’t have access“ (Jann Haworth)

 Auch Jann Haworths „Soft Sculptures“ stellen Stilleben und Alltagsgegenstände dar. Haworths  Ausstellungsobjekte wurden aus Stoff abgefertigt. Die Künstlerin wählte das Material bewusst, da dies weiblich besetzt war und Männer dazu keinen gesellschaftlich geprägten Zugang hatten. Durch den von ihr verwendeten Stoff gelang es ihr einen unverwechselbaren Stil zu entwickeln.  Gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Peter Blake gestaltete Haworth das Cover zu dem Beatles Album“ Sergeant Pepper´s Lonley Hearts Club Band“ (1967). In der öffentlichen Rezeption wird jedoch meistens nur Peter Blake genannt – ein weiteres Indiz für die latente Ignoranz gegenüber weiblicher Kunst. Die Ausstellung „Power Up – Female Pop Art“ wirkt dieser Ignoranz entgegen und bereichert die Geschichte der Pop Art in dem sie die weiblichen Künstlerinnen in der Öffentlichkeit sichtbar macht.

(Veröffentlich in fiber # 18 Schwerpunkt: Wahn http://www.fibrig.net/)
http://www.fibrig.net/

Artikel anlässlich der Ausstellung 2010/2011 „Power up – Female Pop Art in der Kunsthalle Wien http://www.kunsthallewien.at/

1)      Gerald Matt, Angela Stief: Female Pop Art. Wien: Dumont 2010, S. 51.

Fiber_Power Up Female Pop Art

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s