Kriegswahn: „Die verschollenen Töchter Dersims“

Die 42-jährige Regisseurin Nezahat Gündoğan thematisiert in ihrem Dokumentarfilm „Zwei Bündel Haare – die verschollenen Töchter Dersims“ ein bislang innerhalb der türkischen Gesellschaft ignoriertes Thema: die Verschleppung kurdischer Mädchen nach der Niederschlagung des KurdInnenaufstands 1937/38.

Viele der jungen Mädchen wurden nach ihrer Verschleppung aus der Region Dersim in türkischen Offiziersfamilien untergebracht. Ziel war es, die Mädchen zu „türkisieren“ und in der kemalistischen Gesellschaft zu assimilieren. Der Vision Atatürks folgend, sollten sich alle in der Türkei lebenden Menschen als TürkInnen definieren. Minderheitenrechte sah das kemalistischen Staatskonzept nicht vor.  Die KurdInnen waren nach der Niederschlagung des Aufstands immer wieder staatlichen und militärischen Repressionen ausgesetzt. Lange Zeit wurde selbst der Gebrauch der kurdischen Sprache verboten. Viele KurdInnen flohen vor den Repressionen des Militärs in die Städte oder schlossen sich der PKK (ArbeiterInnenpartei Kurdistans) an. Erst seit einigen Jahren sind der Gebrauch der kurdischen Sprache sowie die Existenz kurdischer Medien innerhalb der Türkei erlaubt. Im Zuge des geplanten EU-Beitritts öffnete sich der türkische Staat in der KurdInnenfrage. Dennoch werden bis heute politische AktivistInnen unter dem Vorwand der „Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation“ inhaftiert. Auch Nezahat Gündoğan saß eine fünfjährige Haftstrafe wegen Mitgliedschaft bei der TKP/ML (Kommunistische Partei der Türkei/Marxisten-Leninisten) ab. Nach ihrer Entlassung absolvierte sie Filmkurse der türkischen Menschenrechtsstiftung.

Auf den sechsten in Wien stattfindenden Kurdischen Filmtagen Sercavan sprach Claudia Aurednik mit Nezahat Gündoğan über ihren Dokumentarfilm und die aktuelle politische Situation in der Türkei.

fiber: Wie hast du die Hauptdarstellerinnen und die Quellen für deinen Dokumentarfilm gefunden?

Zunächst habe ich mich einfach in Dersim durchgefragt. In fast jeder Familie aus Dersim befinden sich Menschen, die verschleppt oder ermordet wurden. Als ich fündig geworden bin, habe ich mich von Person zu Person weiter durchgefragt. Am Ende habe ich 72 Frauen gefunden, die 1938 verschleppt wurden. Doch leider waren 50 der Frauen bereits verstorben. Von den Überlebenden konnte ich zehn für mein Projekt gewinnen. Die übrigen wollten nicht mehr über die Ereignisse sprechen.

Hinsichtlich der Quellen bekam ich von staatlicher Seite keine Unterstützung. Daher musste ich mich an Personen wenden, die private Quellen hatten wie bspw. Fotos oder Aufnahmen aus der Zeit. Geholfen hat mir auch Hasan Saltɪk (Anm: Gründer des Independent Labels Kalan Müsik), der ein großes Archiv mit Videos und Fotos hat. Die Fotos, die er mir zur Verfügung gestellt hat sind alle 1938 gemacht worden – also während oder nach dem Massaker. Die Fotos selbst sind von Soldaten gemacht worden. Hasan Saltɪk hat manche Fotos von den Kindern oder Enkelkindern der Soldaten gekauft. Andere hat er von Museen oder auch bei Versteigerungen erworben. Er hat jahrelang an dem Aufbau des Archivs gearbeitet.

fiber: Wie wurde der Dokumentarfilm in der Türkei aufgenommen?

Der Film ist bislang vor allem bei privaten Vorstellungen, auf Universitäten und bei Festivals in Istanbul und bei dem Festival „Goldene Orange“ in Antalya gezeigt worden. Die Reaktionen waren im Allgemeinen positiv. Positiv, weil der Film die Leute erreicht hat und ich von vielen Menschen folgendes gehört habe: wir haben gewusst, dass 1938 ein Aufstand war und wir haben gewusst, dass dieser niedergeschlagen wurde. Wir haben aber bislang nicht gewusst, dass Familien auseinandergerissen wurden und dass die Mädchen „türkisiert“ wurden. Es hat auch Fälle gegeben, bei denen türkische Familien Kontakt mit der Regisseurin aufgenommen haben und meinten, dass auch sie ein Kind aus Dersim in der Familie hätten.

Der Staat beobachtet den Film bislang kritisch. Aber er kann nichts dagegen machen, weil es sich um eine sehr menschliche Thematik handelt. Der Dokumentation wurde auch ganz bewusst menschlich und natürlich gedreht. Mittlerweile gibt es auch viele AkademikerInnen und Intellektuelle in der Türkei, die das Thema aufgegriffen und unterstützt haben. Diese sind mit mir öffentlich in Kontakt getreten und dies erschwerte eine etwaige Zensur. Von staatlicher Seite hat der am Militärputsch 1980 führende General und Putschist Kenan Evren als einziger auf die Thematik nervös reagiert. Dies liegt vor allem daran, dass Forschungen ergeben haben, dass seine Frau wahrscheinlich auch eines der Verschleppten Mädchen aus Dersim ist. Er betrachtet die Forschungen als Verleumdung und als Lügen. Es gibt aber sehr viele Frauen, die als Mädchen verschleppt wurden und heute Mütter von bekannten Persönlichkeiten in der Türkei sind. Ich werde jedenfalls weiterforschen.

fiber: Hat sich die Türkei hinsichtlich ihrer Geschichtsaufarbeitung geöffnet?

Nun, eigentlich ist es eine Pflicht, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt. Der türkische Staat sieht das aber anders. An einer Aufarbeitung der kurdischen und armenischen Geschichte arbeiten gegenwärtig viele Intellektuelle und unabhängige AutorInnen. Natürlich ist die Türkei auch ein wenig reifer geworden. Dies ist aber nicht so, weil der Staat heute anders denkt, sondern weil dies im zeitlichen Kontext zu betrachten ist. Denn das reine „Türkentum“ kann man im 21 Jahrhundert nicht mehr propagieren. Der Staat versucht also die Probleme anders zu behandeln. Durch den Kontext in dem der Staat jetzt steht, muss er einige Sachen ändern. Die armenische Frage ist aber noch immer ein großes Tabu. Der armenische Zeitungsherausgeber Hrant Dink hat dafür gesorgt, dass dieses Thema nicht mehr so stark tabuisiert wird – aber er musste sein Leben dafür lassen (1).

fiber: Warum wurdest du während deiner Studienzeit zu sechs Jahren Haft verurteilt?

Ich war deshalb im Gefängnis, weil ich meine Meinung öffentlich vertreten habe. Da ich eine politische Person bin, habe ich mich bereits während meines Studiums für Menschenrechte engagiert. Vor allem für Unterdrückte wie Frauen, KurdInnen oder ArbeiterInnen habe ich mich stets gewaltfrei eingesetzt. 1996 wurde ich verhaftet und fünf Jahre später 2001 wurde ich aus der Haft vorzeitig entlassen. Währenddessen gab es keinen Tag, an dem sie mich nicht verdächtigt hätten dies oder jenes getan zu haben. Zudem war in der Türkei während der 1990er Jahre physische Folter an der Tagesordnung – das ist jetzt glücklicherweise nicht mehr so. Nach meiner Verhaftung wurde ich 15 Tage lang gefoltert um ein Geständnis abzulegen, doch das habe ich nicht getan. Ich habe dann beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte die Türkei angeklagt und auch gewonnen. Doch obwohl ich kein Geständnis abgelegt habe, wurde ich wegen der „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ angeklagt.

Fiber: Wegen Mitgliedschaft in der PKK?

Nein. Ich bin wegen Mitgliedschaft in der TKP/ML verurteilt worden. In der Türkei ist eigentlich jede Bewegung, die nicht ins „Staatsbild“ passt terroristisch. Nochmals zu meiner Haftzeit: Als Protest gegen die Haftbedingungen und Folterungen habe ich einen fünfzehntägigen Hungerstreik im Gefängnis gemacht. Später hat sich der Staat bei mir entschuldigt, doch ich habe die Entschuldigung nicht angenommen.

 

Fiber: Welches Projekt möchtest du demnächst realisieren?

Ich möchte ein Buch über den Dokumentarfilm „Zwei Bündel Haare – die verschollenen Töchter Dersims“ machen, denn über die Geschichte Dersims muss noch sehr viel aufgedeckt werden. Einmal in der Sache drinnen, kommst du nicht mehr raus.

Dolmetscher: Jean Kepez

(1)   Hrant Dink war Herausgeber und Journalist der zweisprachigen armenisch-türkischen Wochenzeitung Agos. Er wurde mehrfach wegen „Beleidigung des Türkentums“ angeklagt und thematisierte auch den Völkermord an den Armeniern 1915/16. 2007 wurde Hrant Dink vor dem Verlagshaus der Agos von einem 17-jährigen Nationalisten erschossen.

(Abgedruckt in fiber # 18, 01/2011, Schwerpunkt: Wahn)

http://www.fibrig.net/

Kriegswahn Bild von Fiber, Copyright Nezahat Gündogan

 cover die verschollenen töchter dersims

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