DJ-Ipek – Welcome to Eklektik Berlinistan!

Ipek Ipekçioğlu ist Deutschtürkin, Kosmopolitin, Lesbe und Sprachrohr der türkischstämmstrongigen Schwulen- und Lesbenszene. Ihre Beats bilden eine Melange zwischen Orient und Okzident abseits stereotyper Ethnoklischees.

Wenn DJ Ipek im Kreuzberger Szene-Club SO 36 „Gayhane – House of Halay“(1) die Turntables bedient, kann fast niemand einfach nur so herrumstehen. Denn der Sound reißt die BesucherInnen einfach mit und lädt sie zu einer Reise an die eigenen Grenzen ein. Geschickt mixt Ipek orientalische Klänge mit House- und Technobeats oder lässt auf eine arabische Sequenz eine hebräische folgen. Die eigenen Grenzen und Normen zu überschreiten und sich dabei selbst zu finden– ein Motto das auch das Leben der 38-jährigen DJane bestimmte, die als DJ Ipek bezeichnet werden möchte, da ihr das Wort „DJane“ zu verniedlichend klingt.  Auch beim Start ihrer Tätigkeit Mitte der Neunziger Jahre musste Ipek an ihre Grenzen gehen. Damals kam der Klubbesitzer vom SO 36 einfach auf sie zu und fragte „Bist du Türkin und bist du vielleicht auch lesbisch?“ Als sie beides bejahte freute sich dieser und erklärte ihr kurzum, dass in ein paar Tagen die erste Queer-Oriental-Party im SO 36 stattfinden würde und der DJ plötzlich weg sei. Obwohl Ipek noch nie zuvor aufgelegt hatte, sagte sie zu und bestand die Feuerprobe. Das Publikum war von Anfang an begeistert. Im Laufe der Jahre entwickelte Ipek ihren eigenen Stil und wurde zu einer Fixgröße der Berliner Klubszene. Im Laufe der Jahre stand sie in New York, Amsterdam, Tel Aviv, Glasgow, Peking sowie regelmäßig in Istanbul an den Turntables zahlreicher Klubs.

Outing und Selbstfindung

Doch dass das Leben und die Aufstiegschancen für  türkischstämmige MigrantInnen in Deutschland ihre Grenzen haben, konnte Ipek bereits in jungen Jahren verspüren.  Gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder  wächst sie bei ihrer Mutter – einer emanzipierten Frau –  auf. Zudem lebt sie zwei Jahre in einem Internat in Izmir. In einer Diskussionsrunde zum Thema „Integration im Alltag“ zieht sie Bilanz und stellt fest, dass „Deutschland für ihre sprachliche Integration nichts getan habe“.  Das Verhältnis zu Deutschland bleibt sehr lange angespannt und schwierig. Erst ihr Aufenthalt als Aupair in London verändert ihr Verhältnis zu Deutschland. Denn dort wurde ihr bewusst, dass sie in Deutschland als Deutschtürkin studieren muss um etwas zu erreichen. In London bekennt sich Ipek auch zu ihrer Homosexualität. Ihre Familie reagiert auf Ipeks Outing tolerant und akzeptiert sie. Zurück in Deutschland holt Ipek das Abitur nach und studiert Sozialpädagogik. Ihre Diplomarbeit verfasste sie 1997 zum Thema „Lesbisch und Türkisch! Ein Widerspruch!? Selbstbild der lesbischen Immigrantinnen der zweiten Generation aus der Türkei, die ihren Lebensmittelpunkt in der BRD haben“.  Oft wird Ipek von Deutschen gefragt ob es denn in der Türkei auch Lesben gäbe. Derartige Fragen nerven Ipek ebenso wie jene, die mit Vorurteilen behaftet sind oder Stereotype wiedergeben.

Grenzüberschreitung und Engagement

Vorurteile und Grenzen in den Köpfen der Menschen versucht Ipek auch durch ihr soziales Engagement einzureißen. Sie war Mitbegründerin von AMUSO – „Arbeitskreis Migranten unterschiedlicher sexueller Orientierung“ und GLADT – „Gays and Lesbians aus der Türkei e.V.“.  Zudem hostet sie das KünstlerInnennetzwerk Kanakwood. „Ich habe Glück gehabt und bin von meiner Familie akzeptiert worden. Jetzt möchte ich anderen helfen, die es nicht so leicht wie ich haben“ , merkt Ipek an. Als Sozialpädagogin arbeitete sie im Jugendstrafvollzug, beim Roten Kreuz und in einer Beratungsstelle für missbrauchte Mädchen. Einmal im Monat fliegt Ipek nach Istanbul um dort aufzulegen und die auch die im Untergrund lebende türkische Homosexuellenszene zu stärken. Ipeks Heimat ist jedoch Eklektik BerlinIstan – wobei das Wort „Eklektik“ für die von ihr verschiedenen Stile steht und „BerlinIstan“ sich aus Berlin und Istanbul zusammensetzt. Berlin ist für sie ganz anders als das übrige Deutschland. Denn  Berlin biete nun mal die einzige Möglichkeit als türkischstämmige Lesbe zu leben, erklärt sie. Und gerade in Kreuzberg und Neukölln könne sie so sein wie sie will. Mittlerweile sind von DJ Ipek die Alben „Import Export a la Turka – Turkish Sounds from Germany“ sowie „Beyond Istanbul #1 und #2“ bei dem Münchner Label „Trikont“ erschienen. Das schwedische Gay-Magazine QX wählte Ipek zum hippsten DJ Europas. Ihrem grenzüberschreitenden Motto bleibt Ipek trotz der Erfolge sowohl musikalisch als auch politisch treu: „Ich kann von Menschen gesetzte Grenzen nicht akzeptieren. Die möchte ich aufweichen.“

Links:

DJ Ipek: http://www.djipek.com/

Indielabel Trikont: http://www.trikont.de

(abgedruckt in der Unique 01/2011)

(1) „Gayhane – House of Halay“:  ist ein wichtiger Treffpunkt der Berliner (Gay-)Szene und findet jeden letzten Samstag im Monat ab 23 Uhr im Kreuzberger Club SO 36, Oranienstraße 190, 10999 Berlin statt. http://so36.de/regs/2010/gayhane/

DJ Ipek - Welcome to Ekleltik Berlinistan! - Unique

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